Bund für Freies Christentum

Auf der Suche nach neuen Wegen

Bericht
von der Jahrestagung 2016 in Hofgeismar



„Glaube und Vernunft in den Weltreligionen“

Jahrestagung 2016

Die diesjährige Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum fand vom 28. bis 30. Oktober unter dem Titel „Glaube und Vernunft in den Weltreligionen“ in der Evangelischen Akademie Hofgeismar statt, mit der zusammen auch das Thema festgelegt und die Veranstaltung organisiert worden war. Ein dritter Kooperationspartner war die Evangelische Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau. Das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft sollte aus der Sicht von vier Weltreligionen – Christentum, Judentum, Islam und Bahai – beleuchtet werden.

Den Auftakt bildete am Freitagabend – nach der Begrüßung durch den Akademiedirektor Karl Waldeck – die christliche Perspektive. Prof. Dr. Werner Zager, Präsident des Bundes, referierte zum Thema „Durch die Vernunft aufgeklärter Glaube? Glaube und Vernunft im liberalen Christentum“. Er begann mit der Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft, die – zumindest im philosophisch-wissenschaftlichen Kontext – durch Immanuel Kant geprägt ist, von der sich auch Zager leiten ließ: Verstand (lat. ratio) versteht sich demnach als diskursives, analytisches Denken, Vernunft (lat. intellectus)  hingegen als das Vermögen, Einsichten zu gewinnen, sich ein Urteil zu bilden und entsprechend zu handeln. Während die Vernunft ein philosophischer Schlüsselbegriff ist, stellt der Glaube einen Grundbegriff christlicher Theologie dar. Die mittelalterliche Theologie bediente sich der Philosophie, wobei die Vernunft die ihr von der Offenbarung dargebotenen Glaubenswahrheiten denkend zu reflektieren hatte. Hatte man sich im Frühmittelalter vor allem an Platon orientiert, so rekurrierte man im Hochmittelalter vor allem auf Aristoteles. Manche Glaubenswahrheiten – wie die Einheit Gottes – vermochte die Vernunft auf natürlichem Wege zu erkennen, andere Glaubenswahrheiten – wie die Dreieinigkeit – blieben der Vermittlung durch die Offenbarung vorbehalten. Wilhelm von Ockham (1288–1347) ging allerdings noch weiter; er sprach der Vernunft generell die Fähigkeit ab, Glaubenswahrheiten zu erkennen, sodass unterschieden wurde zwischen einer theologischen und einer philosophischen Wahrheit. Zager erläuterte dann das Verhältnis von Glaube und Vernunft anhand einiger großer Gestalten der europäischen Geistesgeschichte. Martin Luther (1483–1546) pries die Vernunft als Erfinderin der Künste, der Wissenschaften, der Jurisprudenz etc., sprach ihr aber die Fähigkeit ab, das Evangelium zu erkennen, insbesondere die Rechtfertigung des Sünders, dessen Vernunft ihn überheblich werden ließ. – Gotthold Ephraim Lessing gehörte bereits einer ganz anderen Zeit an; er sah sich der Aufklärung verpflichtet und damit auch der rückhaltlosen Erforschung biblischer Texte. Er glaubte auch, dass sich die geoffenbarten Wahrheiten letztlich der Vernunft erschließen müssten und dass der Mensch „das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind“. – Obwohl Immanuel Kant (1724–1804) alle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, für gescheitert erklärte, negierte er keineswegs die Möglichkeit der Vernunft, Gott zu erkennen. Vielmehr sei Gott ein Postulat der praktischen Vernunft. Kant musste für sich das Wissen aufheben, „um zum Glauben Platz zu bekommen“. Grundlegend war für Kant der Glaube an einen „moralischen Weltherrscher“, wobei es für ihn weniger darauf ankam, ob Gott tatsächlich existiere, als darauf, dass der Mensch ihn als eine moralische Denknotwendigkeit voraussetzt. Kant selbst räumte dem Vernunftglauben Priorität vor dem Offenbarungsglauben ein. Der Offenbarungsglaube habe der Ausbreitung des Vernunftglaubens zu dienen, da anderenfalls der einzelne Christ durch die Gelehrsamkeit der Bibelausleger entmündigt werde. – Ganz anders Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der die Vernunft für ungeeignet hielt, eine Gotteslehre zu entwickeln. Die Frömmigkeit des Glaubens sei weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eher ein Gefühl; und die Erlösung durch Christus könne nicht von der dem Menschen einwohnenden Vernunft ergründet werden, was aber nicht als Abwertung der Vernunft zu verstehen sei. – Der Theologe und Philosoph Albert Schweitzer (1875–1965) bewunderte die rationale Philosophie des 18. Jahrhunderts, weil sie davon ausging, dass alle Wahrheiten sich als vernunftgemäß erweisen müssten – und würden. Kant folgend, argumentierte Schweitzer: „Wer nicht ethisch ist, ist nicht wahrhaft denkend.“ Seine Ethik hing eng zusammen mit seiner „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Und darum hielt Schweitzer die tiefen Überzeugungen des Christentums für denknotwendig. – Rudolf Bultmann (1884–1976) kritisierte zwar die liberale Theologie, die mit Hilfe der Vernunft eine historisch-gesicherte Glaubengrundlage zu erreichen suchte, war er doch überzeugt, dass die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft kein geeignetes Glaubensfundament darstellen könnten; damit hatte für ihn die Vernunft aber keineswegs ausgedient, überschrieb er doch seine gesammelten Aufsätze mit „Glauben und Verstehen“. Konsequent eingesetzt, führe die Vernunft den Menschen vor die Frage nach dem Sinn. Und die christliche Lehre sei nicht durch die Vernunft oder gar den Verzicht auf dieselbe zu glauben, sondern durch das Wort vom Kreuz zu erkennen, durch welches dem Menschen in unbegreiflicher Weise der gnädige Gott begegne. – Wolfhart Pannenberg (1928–2014) ging von der „Offenbarung als Geschichte“ aus und verneinte die These, Offenbarungserkenntnis sei etwas Übernatürliches. Vielmehr könne Geschichtsoffenbarung jedem, der Augen habe zu sehen (also jedem, der glaube), vermittelt werden. „Der Glaube hängt jedoch letztlich davon ab, dass es der Vernunft möglich ist, Gottes Handeln in der Geschichte zu erkennen.“ – In seinem Resümee schlussfolgerte Zager, dass für ein liberales Christentum Glaube und Vernunft partnerschaftlich zusammen gehörten, da sie es mit der einen Wahrheit zu tun hätten. Eine Reduktion des christlichen Glaubens auf die Vernunft würde dessen Auflösung bedeuten. Der christliche Glaube sei keine Konstruktion der Vernunft, sondern das Ergebnis von Gotteserfahrungen. Gleichwohl muss die Botschaft von der Gottesoffenbarung mit Hilfe der Vernunft gedanklich geklärt werden, um kritische Zeitgenossen überzeugen zu können.

Als zweiter Redner war am Samstagvormittag der evangelische Theologe und Judaistik-Experte Prof. Dr. Christian Wiese aus Frankfurt vorgesehen, der zum liberalen Judentum referieren sollte; er musste aber am Vorabend aus gesundheitlichen Gründen absagen. Kurt Bangert, Schriftleiter der Zeitschrift Freies Christentum, sprang kurzfristig ein und sprach über die Ergebnisse seiner Islamforschung, die er jüngst in seinem umfangreichen Werk "Muhammad. Eine historisch-kritische Studie zur Entstehung des Islams und seines Propheten" veröffentlicht hatte. Er führte die Zuhörer kurz in einige wichtige Ergebnisse der neueren Hadith-Forschung, der Sira-Forschung und der Koran-Forschung ein. Dabei verwies er auf das Dilemma, dem sich die gegenwärtige Islamforschung für die Frühzeit des Islams gegenüber sieht: Sämtliche islamische Quellen seien erst 120 bis 150 Jahre nach dem vermeintlichen Tod Muhammads – oder sogar noch später – entstanden. Und wenn man ausschließlich solch späte Quellen zur Verfügung habe, könne man zwar etwas darüber aussagen, was Muslime 120 bis 150 Jahre später dachten und glaubten, nichts jedoch über die Entstehungszeit des Islams. Allerdings verlassen sich die meisten Islamwissenschaftler mangels alternativer Geschichtsentwürfe weiterhin auf die traditionelle Historiographie, weil sie hinter den (oft erfundenen) Traditionsberichten doch zumindest einen historischen Kern vermuten. Dieser Kern, so Bangert, dürfe allerdings – nimmt man zeitgenössische nicht-muslimische Quellen zu Hilfe – anders ausgesehen haben, als die Tradition uns glauben macht. Deshalb habe Bangert in seinem Buch eine alternative narratio vorgelegt, die aber vorerst noch umstritten bleibe. Ein Schlüssel für dieses alternative Narrativ sei zum einen die Inschrift im Innern des Jerusalemer Felsendoms, die als ein Manifest des Kalifen Abd al Maliks anzusehen sei, mit dessen Hilfe er den jahrhundertealten Streit um die Natur Christi ein für allemal lösen wollte, und zum andern die Entwicklung der islamischen Rechtswissenschaft, die sich – beginnend mit dem 8. Jahrhundert – auf die „Sunna des Propheten“, also auf die Worte und Beispiele Muhammads, berief, was zu einer unüberschaubaren Flut von Hadithen (=Traditionsberichten) geführt habe, von denen die allermeisten nachweislich unhistorisch seien. Bangert deutete auch Untersuchungen an, wonach die Inhalte des Korans weitgehend identisch seien mit Positionen, wie es das traditionelle orientalische Judenchristentum vertreten hatte. So hat der Islam die Idee, dass Jesus der „Letzte der Propheten“ und das „Siegel der Propheten“ gewesen sei, auf den arabischen Gesandten übertragen. In Bezug auf den Koran wies Bangert auf die in seinem Buch dargelegte historisch-kritische Erforschung des Korans hin, die weiter gehe als dies muslimische Theologen zu tun wagten, die sich formal die „historische Kritik“ auf die Fahnen geschrieben hätten. Eine der von Bangert vorgebrachten Schlussfolgerungen der modernen Koranforschung sei, dass die Autorenschaft Muhammads unwahrscheinlich sei und das islamische Offenbarungsbuch vermutlich auf mehr als einen Autor zurückzuführen sei. Im Hinblick auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft erläuterte Bangert (bei der späteren Abschlussdiskussion), dass die vier großen Rechtsschulen des Islams jeweils unterschiedliche Gewichtungen der Vernunft (raʾy) gegenüber dem Koran und dem Vorbild des Propheten (sunnat an-nabī) vorgenommen hätten. Je später die Rechtsschulen gegründet wurden, desto radikaler orientierten sie sich an der Sunna des Propheten, selbst wenn diese schlecht belegt sei, und weniger an der Vernunft. (Für weitere Erläuterungen zu Bangerts Buch siehe die Buchbesprechung von Dr. habil. Wolfgang Pfüller in Heft 6/2016 von Freies Christentum.)

Den nächsten Vortrag hielt Frau Dr. Rabeya Müller, stellvertretende Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, die zum Thema „Historisch-kritische Auslegung des Korans. Glaube und Vernunft im liberalen Islam“ sprach. Der Liberal-Islamische Bund (LIB) vertritt eine dogmenfreie Auslegung religiöser Schriften und ein pluralistisches Gesellschaftsbild. Müller erläuterte, was für sie „liberal“ bedeute: Der Ausdruck stehe für „freiheitlich“ und „vorurteilsfrei“ und deute auf eine liberal-theologische Herangehensweise an islamische Quellen hin. Die ethischen Aspekte der Religion würden ebenso betont wie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, auch unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, und es gebe eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Nicht-Muslimen sowie ein ausdrückliches Bekenntnis zu Demokratie und Grundgesetz. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft existierten, so Müller, grundsätzlich drei Denkmodelle: (1) die Offenbarung hat die größere Autorität, (2) der Vernunft wird das Primat eingeräumt, oder (3) beide sind eng aufeinander bezogen. Da es im Islam kein Lehramt – wie in der Röm.-Katholischen Kirche – gibt und jeder Muslim die Schrift für sich auslegen kann, gebe es auch im Hinblick auf das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft viele unterschiedliche Auslegungen, wobei die ʿUlamāʾ, die muslimischen Schriftgelehrten, gerne eine Führung beanspruchten und hin und wieder Fatwas (= rechtliche Gutachten) herausgeben. Hinsichtlich der drei Verhältnisbestimmungen votierte Müller für eine wechselseitige Beziehung, bei der der Glaube zu denken gibt, aber das Denken auch den Glauben prüft (nach Klaus von Stosch). Auf den Koran bezogen, bedeute dies ein historisches Denken in drei Schritten: (1) Der Ausleger macht sich den historischen Kontext und die situationsbezogene Bedingtheit des Textes bewusst. (2) Der Ausleger macht sich den zeitlichen und weltanschaulichen Abstand zwischen dem Text und Ausleger bewusst und arbeitet die überzeitliche Bedeutung des Textes heraus. (3) Der Ausleger wendet diese überzeitliche Bedeutung auf die gegenwärtigen Umstände seiner eigenen Zeit an. Müller erläuterte dies anhand einiger Beispiele und hob hervor: Keine Koraninterpretation könne für sich beanspruchen, die einzig richtige zu sein. Sie stellte dann noch die Frage, nach welchen hermeneutischen Prinzipien eine moderne Reform des Islams möglich sei, und listete einige Grundsätze: Die Spannung zwischen Offenbarung und Philosophie habe es im Islam schon immer gegeben. Die Mutaziliten (Rationalisten), eine Minderheitenschule im Islam, hätten schon zu ihrer Zeit großen Wert auf die Vernunft gelegt. Man müsse aber berücksichtigen, dass viele Gläubige ein sicheres Fundament für ihren Glauben wünschten. Für Müller ist die „Freiheitlichkeit“ ein (auch im Koran zu findendes) zentrales Thema, darunter die Freiheit des Gewissens. Zudem sei der Kampf gegen jegliche Unterdrückung wichtig; Autoritäten seien schon immer infrage gestellt worden. Zu einem reformierten Islam gehörten außerdem eine dogmenfreie Auslegung der Schrift, die Geschlechtergerechtigkeit und – bezogen auf Deutschland – ein flächendeckender und ergebnisoffener islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache. Ihr Plädoyer für einen reformierten Islam schloss sie mit einem Bonmot ab: „Wenn Scharia (wörtlich) den Weg zur Quelle meint, sollten wir wissen, dass wer immer mit dem Strom schwimmt, niemals zur Quelle findet.“

Am Samstagnachmittag referierte Pfarrer Dr. habil. Wolfgang Pfüller, Vorstandsmitglied des Bundes, über die Bahai-Religion, die mit rund sechs Millionen Gläubigen die kleinste und zugleich auch jüngste der Hochreligionen ist. Die Bahai-Religion geht ursprünglich auf einen iranischen Mann zurück, der sich Báb (das „Tor“) nannte, sich als Gottesgesandter verstand und ein neues religiöses Gesetz (statt des schiitischen Islams) begründete. Er wurde eingekerkert und 1850 in Täbris hingerichtet. Ebenfalls gefangengenommen wurde sein Schüler Bahá’ulláh, der als Begründer der Bahai gilt, nachdem er im Kerker eine Vision hatte, die ihn veranlasste, die Sache Bábs weiterzutragen. Nach seiner Befreiung floh er zunächst nach Bagdad und kam über Konstantinopel und Alexandria schließlich nach Akkon (nahe Haifa), wo er begraben liegt. Auch Bahá’ulláhs Sohn ‘Abdu’l-Bahá, geboren 1844, verbrachte viele Jahre in Gefangenschaft, wurde aber zum wichtigen Interpreten der Schriften Bahá’ulláhs. Im Bahaitum wird die Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft vertreten, und zwar auch deshalb, weil es immer wieder zu Grenzüberschreitungen zwischen beiden gekommen sei. Denn: Religion ohne Wissenschaft stürze zum Aberglauben ab; Wissenschaft ohne Religion stürze zum Materialismus ab. Gemeinsam seien der Religion und der Wissenschaft die Wahrheitssuche. Trotz der von den Bahais verkündeten Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft gebe es wegen einiger – aus heutiger Sicht veralteter – Ansichten Bahá’ulláhs erhebliche Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft. So hat ‘Abdu’l-Bahá die Evolution des Menschen aus der Tierwelt abgelehnt und die Unsterblichkeit der vom Körper unabhängigen Seele behauptet. Problematisch, so Pfüller, sei auch die ‘Abdu’l-Bahá zugeschriebene Unfehlbarkeit, dessen Schriften als normativ gelten. Ähnlich wie Religion und Wissenschaft werden auch Glaube und Vernunft als korrelativ angesehen. Sie ergänzten sich, solange sie nicht ihre jeweiligen Grenzen überschritten. Der Glaube bedarf zwar keiner Bestätigung durch die Vernunft, sollte ihr aber auch nicht widersprechen. Die Vernunft scheitert vor allem in Bezug auf die Ethik. Der Glaube ist in der Transzendenz und in der göttlichen Offenbarung fest verankert und übersteigt deshalb die Vernunft, die dem Glauben gleichwohl wertvolle Dienste leisten könne und deshalb Gottes größte Gabe an die Menschen sei. Resümierend meinte Pfüller, dass der Anspruch auf Unfehlbarkeit mit der Vernunft nicht vereinbar sei; genüge doch  schon eine einzige Widerlegung, um diese Unfehlbarkeit infrage zu stellen. Der Bahai-Glaube werde erst dann zu einer modernen, liberalen Religion, wenn er seine Unfehlbarkeitsansprüche revidiere. Denn „liberal“ heißt: „Prüft alles und behaltet das Gute, bis sich etwas Besseres findet.“

Den letzten Vortrag am Sonntagvormittag hielt der evangelische Theologe und Ethikexperte Prof. Dr. Arnulf von Scheliha aus Münster, der zum Thema sprach: „Auf dem Weg zu einer liberalen Religionskultur? Die Spannung zwischen der Vernunft des Rechts und dem Eigensinn der Religionen.“ Seine Äußerungen zur derzeitigen Religionspolitik in Deutschland waren höchst aufschlussreich und aktuell. Er erläuterte zunächst die liberale Religionskultur. Es gebe die Sphäre des Staates und die Sphäre der Religion. Diese Trennung erfordere die Pluralität der Glaubensweisen und die Toleranz gegenüber abweichenden Bekenntnissen ebenso wie eine starke Stellung des Rechtssystems. Grundlage dieser liberalen Religionskultur sei der Westfälische Frieden, der das Recht des Einzelnen auf seinen Glauben festgeschrieben habe, keine Zwangskonversionen erlaube und auch den Hausgottesdienst dulde. Diese Religionskultur gestehe den Religionen ein differenziertes Verhältnis zum Staat zu. Von Scheliha bezeichnet dies den „Eigensinn der Religion“, der darin bestehen kann, dass die Religion sich gegenüber dem Staat indifferent, legitimierend oder kritisierend (in Wahrnehmung ihrer „prophetische Aufgabe“) verhalte. Die Quellen dieses Eigensinns der (christlichen) Religion sah der Referent in der Offenbarung Jesu Christi und in der Sündhaftigkeit des natürlichen Menschen. Wie das Verhältnis zum Staat ein differenziertes sein kann, so müsse dies auch das Verhältnis des Glaubens zur Vernunft sein. Von Scheliha verwies auf drei unterschiedliche Modelle des Verhältnisses zwischen Staat und Religion: das US-amerikanische Modell (strenge Trennung von Staat und Kirche bei gleichzeitiger Einflussnahme der Kirchen auf die Politiker); das französische Modell (bei dem religiöse Symbole aus dem öffentlichen Leben verbannt werden); und das deutsche Modell (bei dem Religionsfreiheit durch Kooperation mit den Kirchen festgeschrieben ist). Das deutsche Modell erlaube es, Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anzubieten, was konsequenterweise nun auch dem Islam zugestanden werde. Dies erfordere allerdings eine Ausbildung von Pädagogen für den Islamunterricht an deutschen Universitäten (wie Tübingen, Münster, Osnabrück, Frankfurt, Gießen und Paderborn). Dazu bedarf es der Staatsverträge nicht nur zwischen Bund und Ländern, sondern auch zwischen Kultusministerien und islamischen Verbänden. Dabei sind Probleme und Konflikte allerdings vorprogrammiert, denn die islamischen Verbände kennen (anders als die Kirchen) keine Mitglieder. Da der Islam nicht nach Institutionalisierung strebt (die Umma ist keine Kirche), bleibt die Souveränität beim einzelnen Gläubigen. Daraus ergeben sich weiterführende Fragen: Wie ist eine Mitwirkung der Religionsgemeinschaft beim Religionsunterricht zu gewährleisten? Wie ist mit religiösen Symbolen (Kopftuch, Niqab) umzugehen? Wie mit der Beschneidung (von jüdischen und muslimischen Kindern)? Wie weit geht die Neutralität des Staates, der im Rahmen des Kooperationsmodells gleichwohl eine Religionspolitik zu vertreten hat, Regelungen schaffen muss (etwa bei der Gründung von islamisch-theologischen Fakultäten an deutschen Universitäten oder bei der Gefängnis- bzw. Polizeiseelsorge) und auch einem fundamentalistischen Extremismus vorbeugen muss? Resümierend meinte von Scheliha, die staatliche Religionspolitik habe die Vermeidung von Kultur- und Religionskämpfen zum Ziel, wobei einem gesunden Verhältnis von Glauben und Vernunft eine Schlüsselfunktion zukommt. Doch Glaube und Vernunft seien keine statischen Größen, sondern stets in ihrer Dynamik zu verstehen.

Am Samstagnachmittag fanden drei Arbeitsgruppen zum Verhältnis von Glaube und Vernunft statt, die von Prof. Werner Zager (Christentum), Kurt Bangert (Islam) und Prof. Georg Wittig (Philosophie) moderiert wurden. Die Tagung schloss am Sonntag mit einer Panel-Diskussion ab, bei der die Referenten sich zu Anfragen sowohl des Moderators (Dr. Michael Großmann) als auch des Publikums äußerten. Am Samstagmorgen hielt Pfarrer Ingo Zöllich eine Andacht, am Sonntag feierte Pfarrerin Dorothea Zager den evangelischen Gottesdienst. Es wurden „trialogische Lieder“ gesungen, die im Rahmen des „Trimum“-Projektes entstanden, das Juden, Christen und Muslime musikalisch zusammenbringt (siehe dazu: www.trmum.de). So wurde auf die Melodie „Es kommt ein Schiff geladen“ u.a. gesungen: „Wir sind nicht immer einig, wie er sich offenbart, drum lasst es uns erzählen, wie er erfahrbar ward. Erzähln wir uns in Bildern, was kein Bild je beschreibt. Erzähln wir, was wir glauben, was unser Handeln treibt.“ Auf der Orgel spielte in bewährter Weise Dr. Andreas Rössler. Dorothea Zagers Predigt ist in Heft 1/2017 abgedruckt, kann aber auch hier nachgelesen werden.

Der schöne Tagungsort, die Evangelische Akademie, zeigte sich teilweise in neuem Gewande; denn seit der letzten Tagung des Bundes in Hofgeismar hatte es hier grundlegende Sanierungen gegeben, sodass nicht nur viele Zimmer runderneuert wurden, sondern auch ein neuer Speisesaal genutzt werden konnte und auch andere Räumlichkeiten modernisiert wurden. Mangelware waren allerdings gemütliche Ecken und Nischen, in denen man im kleinen Kreis Diskussionen bis in die späte Nacht hätte führen können. So musste man für intensive Gespräche in die Lobby oder in den Speiseraum ausweichen. Trotzdem bleibt dieses Tagungszentrum ein reizvoller Ort, der zur Muße und zum gemeinsamen Nachdenken anregt.

Kurt Bangert