Auf der Suche nach neuen Wegen

Bericht
von der Jahrestagung 2018 in Bad Boll



„Was ist (uns) heilig?“

Bericht von der Jahrestagung in Bad Boll
von Vorstandsmitglied und Schriftleiter Kurt Bangert

Die diesjährige Tagung des Bundes für Freies Christentum fand in der Evangelischen Akademie Bad Boll am Fuß der Schwäbischen Alb vom 12.­14. Oktober statt.

Die kleine Ortsgemeinde Bad Boll stellt seit vielen Jahren ein wichtiges Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine dar; und die dortige Akademie ist die älteste der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Evangelischen Akademien. Die seit 1945 bestehende Einrichtung ist eng verbunden mit dem Namen Christoph Blumhardt, der einen großen Einfluss auf Karl Barth hatte. Die Evangelische Akademie wurde in den letzten Jahren umfassend renoviert, verschönert und auf Nachhaltigkeit hin ausgerichtet. Sie ist eingebettet in einen großzügigen Park mit altem Baumbestand. Die Räume sind großzügig angelegt und lichtdurchflutet.

Die Tagung wurde gemeinsam vom Bund für Freies Christentum, von der Evangelischen Akademie Bad Boll und der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau organisiert und befasste sich mit dem Thema: „Was ist (uns) heilig?“ Das in Klammern gesetzte „uns“ im Titel signalisierte, dass es nicht nur um den religionswissenschaftlichen Begriff des Heiligen ging, sondern auch um alles, was uns heutigen Menschen noch – oder nicht mehr – heilig ist, nämlich im Sinne dessen, was für uns unverzichtbar, unantastbar und damit tabuisiert ist.

Im Rahmen der Tagung fand auch die jährliche Mitgliederversammlung des Bundes sowie eine Vorstandssitzung statt. Rund 50 Teilnehmer wohnten der Veranstaltung bei, darunter eine Reihe Nicht­Mitglieder. Prof. Dr. Werner Zager, Präsident des Bundes, führte am Freitagabend kurz in das Tagungsthema ein und wies auf die vielfältige Verwendung des Begriffs „heilig“ hin. Als heilig werde angesehen, woran unser Herz hängt.

Den ersten Vortrag hielt Dr. habil. Wolfgang Pfüller, der sich mit Rudolf Otto befasste, dessen Buch „Das Heilige“ ein theologischer Klassiker geworden ist. Für Otto standen das Heilige und die Religion in einer engen, ja konstitutiven Beziehung. Religion wurzelt im Innersten des Menschen, in seinem Erleben, so Otto. Dieses religiöse Erleben nennt er das „Heilige“ oder auch das „Numinose“. Andere Begriffe sind das mysterium tremendum oder auch das mysterium fascinans, also jenes irrationale göttliche Geheimnis, das dem Menschen ein schauervolles oder auch beseligendes Widerfahrnis erleben lässt. Als irrational wird das Heilige auf­ gefasst, weil es jenseits der Vernunftebene erlebt wird. Manche bringen darum das religiöse – zuweilen ekstatische – Erleben des Heiligen mit der Mystik in Verbindung. Gerne spricht man auch von einer „Gotteserfahrung“. Der Theologe Rudolf Otto hatte die Welt bereist und zahlreiche religiöse Formen und Praktiken in Afrika und Asien kennengelernt, sodass sein Begriff des Heiligen vornehmlich religionsgeschichtlich geprägt war. Allerdings glaubte er, dass das Christentum diesem Phänomen des Heiligen am ehesten entspricht, und er führte auch ein komparatives Wertesystem ein. Ottos Darstellung des Heiligen ist in mancher Hinsicht kritisiert worden, so etwa wegen der Beschränkung des Erlebnisses des Heiligen auf das Subjektive und Irrationale. Liegt dem „Heiligen“ keine objektive Wirklichkeit zugrunde?

Nach einer Andacht von Pfarrerin Dorothea Zager am frühen Samstagmorgen befasste sich Prof. Zager mit der „Unterscheidung von heilig und profan im Alten Testament und deren Aufhebung im frühen Christentum“. Das Heilige sei der schlechthinnige Gegensatz der Profanität. Es stehe zunächst für die übernatürliche Welt. Mit den „Heiligen“ waren die Götter gemeint, und später – im Zuge des Monotheismus – nur noch die Engel. Der in seinem himmlischen Heiligtum thronende Gott wird mit „heilig, heilig, heilig“ angebetet. Das Heilige hat auch mit dem gottesdienstlichen Ritus im Jerusalemer Tempel, dem „Heiligtum“, zu tun. Es steht aber auch für den Gegensatz von rein und unrein, und darüber hinaus hat „Heiligkeit“ auch eine ethisch­moralische Komponente. „Ihr sollt heilig sein, denn ich, euer Gott, bin heilig.“ Die Priester sollen dabei besonders heilig sein, was u.a. heißt, dass sie nur eine Jungfrau hei­ raten bzw. keine Behinderung aufweisen dürfen. Für ihren Dienst werden sie „geheiligt“, also geweiht. Der Hohepriester sollte aufgrund seiner herausragenden Stellung noch heiliger als die Priester sein. Es gibt heilige Orte und heilige Zeiten. Moses auf dem Berg Gottes steht auf „heiligem Boden“. Die Stiftshütte und der Tempel sind heilig, weil sie der Wohnort Gottes sind. Zion, der Hügel in Jerusalem, ist ein heiliger Berg. Auch der Sabbat, der sowohl schöpfungstheologisch (Ex 20) als auch heilsgeschichtlich (Dtn 5) begründet wird, ist heilig und heilig zu halten. Israel ist ein heiliges Volk, das sich vor allem durch das göttliche Gesetz, die Sabbatobservanz und die Beschneidung von anderen Völkern unterscheidet und abgrenzt. Kurz ging Zager auch auf die Unterscheidung zwischen dem Heiligen und Hochheiligen (auch Allerheiligsten) ein. So unterteilt sich der Tempel in das Heilige und das Allerheiligste. In Letzterem befand sich die als besonders heilig erachtete Bundeslade. Das Heilige kann auch „entheiligt“, d.h. entweiht werden, etwa wenn der Seleukidenherrscher Antiochus IV. Epiphanes den Tempel in Jerusalem zu einer Kultstätte des Zeus umwidmet. Zager befasste sich dann mit dem Heiligen im Neuen Testament. Dort verliert es viel von seiner Bedeutung, obwohl es weiterhin ein wichtiges Element christlicher Theologie bleibt, etwa wenn Christen von der „Heiligen Schrift“ sprechen oder von Jesus als dem „Heiligen Gottes“ und von den Jüngern als den „heiligen Aposteln“. Allerdings gibt es einen wichtigen Wandel: Das Heilige wird nicht länger mit dem Tempel in Jerusalem verbunden, vielmehr kann Gott allüberall angebetet werden. Und die „Heiligung“ wird zu einem ethischen Begriff, mit dem moralisches Verhalten, die Ehrfurcht vor Gott und das Darbringen geistiger Opfergaben transportiert wird. An die Stelle des Opferkultes tritt die Erfahrung des „Heiligen Geistes“. An die Stelle der Dichotomie von Priestern und Laien tritt das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Im Grunde wird damit auch die grundsätzliche Unterscheidung zwischen heilig und profan aufgehoben. Zager endete mit dem Satz:

„Für Christen darf nichts sakrosankt, d.h. unhinterfragbar, sein. Gerade wenn wir Gott ernst nehmen, muss es erlaubt sein, über ihn eigenständig nachzudenken. In dieser Zeit und Welt dürften uns die Fragen und Zweifel nicht ausgehen.“

Prof. Dr. Jörg Lauster, Professor für Systematische Theologie an der Universität München und Autor zahlreicher Bücher, da­ runter der Bestseller „Die Verzauberung der Welt“, sprach zum Thema „Erfahrungen und Vorstellungen des Heiligen im Wandel“ und führte die Hörer ein wenig durch die Theologiegeschichte. Zwar habe das Heilige auch in der protestantischen Gotteslehre noch seinen Platz, aber im Grunde tue sich der Protestantismus schwerer mit dem Heiligen als der Katholizismus. Schleiermacher habe das Heilige und das Transzendente als menschliche Deutungen, als subjektive Interpretationen gewertet. Damit habe er jedoch den Objektivitätsanspruch des Christentums infrage gestellt, so einige Kritiker. Und Ludwig Feuerbach, der bei Schleiermacher studiert hatte, hat dies auch konsequent bis zum Atheismus weitergedacht. Gleichwohl wurde Schleiermachers Ansatz immer wieder aufgegriffen und das Gewissen als derjenige Ort identifiziert, wo sich das Heilige zeige. Schleiermacher folgte hier Immanuel Kant, der das Objektive „an sich“ für unerreichbar und für nicht zugänglich hielt. Das Heilige, so der schwedische Religionswissenschaftler und Erzbischof Nathan Söderblom, beziehe sich auf die Erfahrungsvielfalt. Lauster ging dann auch noch auf Rudolf Otto ein, der viel von Schleiermacher gelernt hatte. Für Otto ist das Subjekt wesentlich am Heiligen beteiligt. Aber für Otto beziehe sich das Erlebnis des Heiligen (oder „Numinosen“) durchaus auf etwas, das auch außerhalb des Menschen zu verorten ist, denn das Heilige „widerfährt“ dem Menschen ja, es kommt gleichsam über ihn. Otto betonte allerdings, dass wir nicht objektiv wissen könnten, was genau das „Heilige“ sei, und wir könnten nur sagen, wie es beim Menschen „ankommt“. Paul Tillich, der mit Otto gut befreundet war, griff dessen Ideen auf und sprach von dem, „was den Menschen unbedingt angeht“. Lauster wies wie Pfüller auch auf die Kritik an Otto hin. Tatsache sei doch, dass wir das als heilig Empfundene – was immer dieses auch sein mag – kaum so beschreiben könnten, dass es beim Gegenüber als das ankomme, wie wir es gemeint bzw. erlebt hätten. Außer­ dem könne das Heilige, wenn wir es der Subjektivität überlassen, alles Mögliche sein. In seinem Fazit riet Lauster dazu, wir sollten an der Kategorie des Heiligen festhalten, weil sich sonst alles andere in bloße Belanglosigkeit auflösen müsste. Als Heiligkeitserfahrung wertete Lauster alles, was unsere menschliche Existenz faszinierend mache (mysterium fascinans), auch wenn manche Zeitgenossen ihre eigenen existenziellen Erfahrungen nicht mit dem Begriff des Heiligen assoziieren würden. Die Kirche sollte jeden­ falls das Gespräch über solche Heiligkeitserfahrungen in Gang halten. Dabei könne es aber nicht darum gehen, den säkularen Menschen die Etiketten des Heiligen oder Religiösen überzustülpen, sondern nur darum, sie einzuladen, sich des Grundes solcher Erfahrungen bewusst zu werden.

Dr. Michael Großmann, Vorstandsmitglied des Bundes, beschäftigte sich am Samstagnachmittag mit der Frage, was Menschen heute noch heilig ist (Thema: „Vom ‚heiligen Jenseits‘ zum ‚heiligen Diesseits‘“). Er wolle nicht systematisch vorgehen, so Großmann, sondern nur einige Themen anreißen. Zunächst thematisierte er, was unter „heute“ gemeint sei, und erinnerte an die Umwälzungen der Neuzeit für das Denken des heutigen Menschen, der sich zuweilen – wie Blaise Pascal – frage, warum er hier und heute und nicht wo­ anders und zu einer anderen Zeit lebe. In dieser Frage komme die Zerrissenheit und Nichtigkeit des Menschen ebenso zum Ausdruck wie seine Zentralität als Mittelpunkt der Welt (seiner Welt). Neben dem fragwürdigen „Heute“ steht auch das frag­ würdige „Heilige“. Können wir das Heilige überhaupt noch erfahren? Widerfährt es uns oder gestalten wir unsere Welt selbst? Die „Welt“ ist heute nicht mehr das, was der Fall ist, sondern nur das, was im Internet zu finden ist. Religion spielt bei uns kaum noch eine Rolle. (In China gehen mittlerweile mehr Menschen in den Gottesdienst als in Westeuropa.) Das, was wir einst „Volksfrömmigkeit“ nannten, sei nur noch ein Ideal vergangener Tage. Ist dem Menschen überhaupt noch etwas heilig? Und: ist der Mensch noch heilig? Gibt es für uns noch Absolutes, absolut Essenzielles? Und was brauchen wir für unsere Identität? Tätowierungen als Selbstdefinition? Jugendliche nennen drei Dinge, die ihnen heilig sind: Familie, Freunde und das Handy. Anderen ist der Fußball heilig. Er wird auf einem „heiligen“ Rasen zelebriert – mit Ritualen und einem als mysterium tremendum et fascinans anmutenden kollektiven „Erlebnis“, das uns zum Pokal führen soll, einem liturgisch anmutenden überdimensionierten Kelch. Kommt es nicht zum Erfolg, erleben wir die Niederlage als „shock and awe“. Fußball als Pseudoreligion? Oder ist es doch eher das Geld, das zur Ersatzreligion wurde, die uns heilig ist? Geld und Hostie haben ja dieselbe Form. Ist Geld nur eine Veralltäglichung der Eucharistie, für die wir dankbar sein müssen? Die monetäre Transsubstantiation des religiösen Faszinosums? Wir sind fasziniert und dann auch wieder ausgeliefert, wenn wir die Börsenkurse steigen und fallen sehen. Wie rational oder irrational sind unsere heutigen Heiligtümer? So ganz irrational, meinte Großmann, sei weder das Heilige noch das Religiöse, weshalb er vom Heiligen lieber als einem protorationalen, metarationalen oder transrationalen als von einem irrationalen Phänomen reden würde.

Nach einer kurzen Pause verteilten sich die Teilnehmer auf drei Gruppen, in denen jeweils das „Heilige“ in der Bibel, in der Geschichte und in der Gegenwart lebhaft diskutiert wurde. Am Samstagabend fand die Mitgliederversammlung des Bundes für Freies Christentum statt, bei dem wie üblich der Geschäftsbericht und der Finanzbericht vorgelegt wurden. Vorstand und Geschäftsführung wurden entlastet. Auch wurde das Selbstverständnis des Bundes diskutiert. (Näheres siehe dazu in dem gesonderten Bericht in diesem Heft.) Nach der Mitgliederversammlung hielt Prof. Dr. Hans­-Ulrich Gehring, Studienleiter der Akademie, der die Tagung in enger Abstimmung mit Werner Zager vorbereitet hatte, einen Vortrag zum Thema „Die Erfahrung des Heiligen und die Ästhetik des Films“, bei dem er am Beispiel von vier Science­ Fiction­Filmen das Phänomen des Heiligen in seinen unterschiedlichen Formen (heilige Orte, Zeiten und Personen) beleuchtete. Das Kino eignet sich offenbar gut, um nicht nur den Konflikt zwischen dem Guten und Bösen, sondern auch zwischen dem Heiligen und dem Profanen bildlich, symbolisch und narrativ darzustellen. Schon das Kino selbst wird als eine Art Heiligtum („Lichtspieltempel“) erlebt, entspricht es doch mit seinem Foyer und dem eigentlichen Kinoraum gewissermaßen dem Tempeldienst. Andächtig lauschen und betrachten die frommen Kinogänger dann das Schauspiel auf der allerheiligsten Leinwand, das ihnen eine transzendente (weil nicht reale oder profane) Wirklichkeit zugänglich macht. Das Kino als Sinnmaschine? Erfahrung des Heiligen im medialen Setting? Epiphanien im Wechselspiel von Licht und Dunkel? Und was wird erlebt? Erschreckendes, Wundersames, Aufwühlendes, Berührendes: mysterium tremendum et fascinans. Gehring ging beispielhaft auf die Filme „Stalker“ (1979), „Avatar“ (2009), „Melancholie“ (2011) und „Arrival“ (2016) ein. Anschließend gab es im Café Heuss noch Getränke und Gespräche in lockerer Runde, zu der man auch Fair­Trade­Produkte genießen konnte.

Am Sonntagmorgen gab es in der Kapelle einen Gottesdienst, den Pfarrer Ingo Zöllich, Mitglied des Vorstands des Bundes, hielt. Auch er bezog sich auf das Heilige und insbesondere auf Jes 6,1­8. Er stellte die Frage, wo wir Menschen uns gerade befinden und wohin wir uns bewegen. Und wo befindet sich Gott? Wo­ mit ist er beschäftigt? Ist er im Jenseits? Oder hier bei uns? War er bei dem See­ beben in Indonesien? In Idlib, dem Ort, der gerade noch von einer Katastrophe verschont wurde? War Gott bei Jesaja, der den Herrn auf seinem Thron erblickte? Bei näherem Hinsehen, war es nicht der Himmel, sondern der Tempel, in dem sich Jesaja befand. Dort im Tempel oder hier, in der Kapelle, können wir Gott begegnen. „Weh mir, ich vergehe“, ruft Jesaja und hört die Worte: „Wen soll ich senden? Wer will mein Bote sein?“ Jesaja antwortet: „Hier bin ich, sende mich.“ Gott bleibt nicht in seiner Allgegenwart, sondern tritt direkt vor uns hin im Hier und Jetzt. Und ich bin aufgerufen, ihm im Hier und Jetzt zu antworten. Denn Gott meint immer mich.

Das letzte Referat hielt Pfarrer Dr. Andreas Rössler, der zum Thema „Die Heiligkeit Gottes und die Heiligkeit des Lebens. Perspektiven liberaler Theologie und Frömmigkeit“ sprach. Der Heiligkeit Gottes war der erste Teil seines Referats gewidmet. Die Heiligkeit sei – nach Nathan Söderblom – ein wichtigeres Element des Religiösen als Gott. Ohne Heiligkeit keine Religion. „Nicht die bloße Existenz der Gottheit, sondern ihr mana, ihre Macht, ihre Heiligkeit ist das, was die Religion ausmacht“, schrieb Söderblom. Aber das Heilige wird nicht nur erlebt, vielmehr muss der Mensch auf dieses Heilige auch reagieren. Gustav Mensching meinte: „Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen.“ Rössler erinnerte auch an Paul Tillich, der „Religion im engeren Sinn“ (Religionsgemeinschaften, Hierarchien, Praktiken, Riten, Symbole etc.) unterschied von der „Religion im weiteren Sinn“, nämlich das Ergriffensein von der Frage nach dem Sinn unseres Daseins, ja nach dem großen Ganzen, dem Unbedingten, das über Sein oder Nichtsein entscheidet. Vor allem verstand Tillich Religion als die „Tiefe des Seins“. Auch wer mit Gott nichts anzufangen vermag, könne doch mit der Tiefe des Seins etwas anfangen. Rössler erläuterte dann – sich auf Albert Schweitzer berufend – die „zweifache Heiligkeit Gottes“, womit er zum einen das Wirken Gottes in der Natur und Geschichte verstand, das uns letztlich doch rätselhaft bleibt, und zum andern Gott als „Wille zur Liebe“ meinte. Doch Rössler ging noch weiter: Das Göttliche habe einerseits mit dem Woher und Wohin unseres Daseins zu tun. Andererseits aber auch mit dem Geheimnis dessen, dass wir nicht zu sagen vermögen, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. Der Urgrund unseres Daseins – und des Seins im Allgemeinen – bleibe ein Mysterium. In einem zweiten Teil befasste sich Rössler mit der Heiligkeit des Lebens und dem Heiligen im Leben. Dem Leben (und allem Sein) gegenüber sei Ehrfurcht angebracht. Hier war wieder an Albert Schweitzer zu erinnern. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.“ Dieses Leben schließt die ganze Schöpfung mit ein. Die Heiligkeit des Lebens und auch die Würde des Menschen sind unantastbar, obwohl beides immer wie­ der angetastet und verletzt wird bis hin zur Bedrohung des Planeten. Ungeborenes, auch behindertes Leben wird nicht wert erachtet; und sogar Kinder werden missbraucht und traumatisiert. Zur Heiligkeit des Lebens gehört im weitesten Sinn auch die Ehrfurcht vor der Wahrheit, so Schweitzer, und zwar sowohl als umfassende, letzte Wahrheit wie auch als Wahrheit(en) über alles, was der Fall sei. Zum Schluss ging Rössler noch darauf ein, dass das Heilige nicht um seiner selbst willen beachtet werden will und nicht auf sich selbst verweise, sondern stets darauf, auch das Profane und das Ganze des menschlichen Daseins zu „heiligen“. Religion und Frömmigkeit begrenzen sich nicht auf bestimmte Orte, Zeiten und Personen, sondern wollen das ganze profane Leben durchwalten.

Zum Abschluss gab es statt einer Podiumsdiskussion eine wirkliche Gesprächs-Runde im großen Kreis, bei dem alle Teilnehmer zur Diskussion eingeladen wurden. Das wurde als bereichernde Innovation gewertet. Hier drehte sich das Gespräch um die Aktualität des Heiligen, um das Religiöse und Spirituelle und darum, wie sich das alles in unserer alltäglichen Wirklichkeit umsetzen lässt. Alles in allem wurde die Tagung als eine gelungene Veranstaltung empfunden, bei der exzellente Referate zu interessanten Themen gehalten wurden und unterschiedliche Aspekte des Heiligen und des Religiösen zur Sprache kamen.

Kurt Bangert

Fotos: Raphael und Dorothea Zager