Auf der Suche nach neuen Wegen

Bericht
von der Jahrestagung 2019 in Arnoldshain


Die diesjährige Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum fand wieder einmal im Arnoldshainer Martin-Niemöller-Haus im schönen Taunus statt. Im Vergleich zur Jahrestagung 2010, die ebenfalls dort stattfand („Gott im Werden der Welt“), zeigte sich das Tagungszentrum zur Freude vieler TeilnehmerInnen erheblich verändert und modernisiert.


Nach der Eröffnung durch den Präsidenten des Bundes, Prof. Dr. Werner Zager, und der beiden Vertreter der Evangelischen Akademie Frankfurt, Pfr. Dr. Kurt W. Schmidt und Pfr. Dr. Thorsten Leppek, hielt Prof. Werner Zager den Einführungsvortrag zum Thema „Freier und unfreier Wille“, in dem er einige historische Kontroversen zu diesem Thema aufzeigte. Er stieg ein mit der Aussage Jesu: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ (Mk 14,38 par.) Dann stellte er Paulus und Augustin gegenüber. Paulus („Nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das führe ich aus.“ – Röm 7,19) versteht die Sünde als eine Macht, die den Menschen wie ein böser Geist beherrscht und ihn als ihr Werkzeug gebraucht. – Augustin greift Paulus auf, um daraus eine Art Erbsündenlehre zu entwickeln, aus der die Menschen nur dank der Erwählung durch die göttliche Gnade befreit werden können. – Danach kam die Kontroverse zwischen Luther und Erasmus zur Sprache. Für Luther ist der Wille des Menschen nicht wirklich frei: „Der freie Wille vermag ohne die Gnade nur zu sündigen.“ Für Erasmus hat der Mensch die Freiheit, sich dem Heil zu- oder abzuwenden. – Differenzierter gehen Kant und Schleiermacher vor. Kant vermag nicht zu sagen, inwieweit der Mensch frei oder der Natur unterworfen ist. Auch für Schleiermacher steht der Mensch zwischen der individuellen Freiheit und der schlechthinnigen Abhängigkeit. – Schließlich setzte sich Zager noch mit der Konzeption von Brigitta Weinhardt auseinander („Das Modell des illibertaren Indeterminismus: Lebensführung jenseits von Willensfreiheit und Fatalismus“), um dann zu resümieren: Die Erbsünde sei Mythologie, auch die doppelte Prädestination bleibe fragwürdig. Zur Verantwortung für unsere Taten können wir nur gezogen werden, wenn ihnen unsere willentliche Zustimmung vorausgeht.

Das Thema des Vortrags von Prof. Dr. Hans-Georg Wittig, seit vielen Jahren Vorstandsmitglied im Bund für Freies Christentum, lautete „Handlungsfreiheit und Willensfreiheit“. Er begann mit einem Zitat des deutschen Hirnforschers Wolf Singer: „Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“, und fragte dann, wie Singer dazu käme, uns die Willensfreiheit zuzutrauen, das Reden über unsere Willensfreiheit einzustellen. Und Wittig beschloss denn auch, munter über die Willensfreiheit zu referieren. Wer völlig unfrei sei, bedürfe auch keiner Gnade, so Wittig, der sich vor allem mit derjenigen Willensfreiheit beschäftigte, die moralisches Handeln ermögliche. Er hielt es auch eher mit Erasmus denn mit Luther; denn wenn der Mensch nichts zu seinem Heil beitragen könne, dränge sich ein schreckliches Gottesbild auf. Willensfreiheit, so Wittig, meint Selbstdetermination. Doch völlige Undeterminiertheit sei auch nicht wünschenswert, da der Mensch dann dem Zufall ausgeliefert wäre. Determiniert sind wir durch unsere genetische Ausstattung, aber auch durch Umwelteinflüsse, die mit unserem genetischen Potenzial in Wechselwirkung treten. Aber das gelte auch für einen dressierten Hund. Was gerade den Menschen auszeichne, sei seine Fähigkeit, sich in Freiheit für sittliches Handeln zu entscheiden. – Wittig unterschied zwischen einer Ich-Perspektive, einer Er-Perspektive und einer Wir-Perspektive. Aus der subjektiven Ich-Perspektive kann ich mich innerhalb gewisser Grenzen frei entscheiden. Die Er-Perspektive kritisiert aus naturwissenschaftlicher Sicht die Ich-Perspektive. Wie frei ist der Mensch nach den Kriterien objektiver Empirie? (Das ist etwa vergleichbar mit der subjektiven Wahrnehmung einer flachen Erde und der empirisch festzustellenden Realität der Erde als Kugel.) Je nach Perspektive ist der Mensch undeterminiert und zugleich determiniert. Die Wir-Perspektive (Ich + Er = Wir) stellt die reflektierende Sicht der Philosophie dar, die vor allem die Er-Perspektive kritisch betrachtet. Die Naturwissenschaft, die von der strengen Kausalität ausgeht, kommt zu dem Ergebnis, es gebe keine Willensfreiheit. Doch laut Kant eröffnet sich für den Menschen „die Möglichkeit der Freiheit“. Zu unterscheiden ist nach Wittig zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit, aber auch zwischen der Willensfreiheit und der Willenskraft, die sich durch Übung steigern lasse.

Dr. Michael Großmann, auch Mitglied im Vorstand des Bundes, sprach ebenfalls aus philosophischer Perspektive zum Thema „Handlungsfreiheit und Willensfreiheit“. Sein Aufhänger war das Ereignis des Sich-verliebens, das mit einem massiven Kontrollverlust einhergehe, letztlich aber doch eine freiwillige Entscheidung voraussetze. Natur oder Kultur?, ist hier die Frage. „Dass wir frei sein möchten und uns auch so fühlen, stellt kein überzeugendes Argument gegen die These dar, dass wir durchgängig determiniert sind“, so Großmann. Joseph Haydn soll gesagt haben: „Die Phantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier.“ Doch wenn alles determiniert wäre, müssten wir keinerlei Anstrengung aufwenden, um unser Leben zu führen; denn alles wäre ja ohnehin vorherbestimmt. Dass eine vollständige Determiniertheit und Verantwortung für eigenes Handeln inkompatibel seien, meinen die Inkompatibilisten, während deren Gegner (die Kompatibilisten) glauben, beides vereinbaren zu können. Großmann selbst will sich keiner der beiden Positionen ganz zuordnen. Er schlägt vor, den Menschen wählen zu lassen, ob er für seine Handlungen die Verantwortung übernehmen will oder nicht. Tut er es (etwa im Falle eines Totschlägers), so ist die Tat zu sühnen. Tut er es nicht, so gehöre er in die Sicherungsverwahrung. Doch diese Wahl wird er treffen müssen. Es ist der Zwang, sich entscheiden zu müssen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Rolf-Peter Warsitz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor für philosophische Anthropologie und psychoanalytische Theorie an der Universität Kassel, referierte zum Thema „Sind wir Herr im eigenen Haus? Willensfreiheit psychoanalytisch-kritsch gesehen“. Schon Sigmund Freud lehrte, dass das Ich – der Träger des vermeintlich freien Willens – nicht Herr im eigenen Haus sei. Diese Zumutung war, nach Freud, die dritte große Kränkung der Menschheit (nach Kopernikus und Darwin). Freud sprach von „fremden Gästen“; das Seelische falle nicht mit dem bewussten Ich zusammen, das nicht mehr als autonom gelte (wie in der Aufklärung). Die Psychoanalyse geht von einem gespaltenen Ich aus, „dessen Bruchlinien vielfältig sind“. Natur und Kultur, männliche und weibliche Anteile, Es-Triebe, Über-Ich, Selbstentfremdung wetteifern um die Autonomie des Ichs. Kommt nun durch die Neurowissenschaft noch eine vierte Kränkung hinzu, wenn sie uns die Willensfreiheit gänzlich abzusprechen droht? Neben das psychologische Unbewusste tritt heute noch das neurophysiologische Unbewusste, was Jaspers das Außerbewusste nennt, welches alles Denken, Fühlen und Sollen determiniert. Doch es gibt auch die Tendenz des Ichs, die eigene Determiniertheit durch diverse (technologische oder pharmazeutische) „Enhancements“ zu kompensieren („second creation“) und so die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern – mit der Aussicht, dass der Mensch die Folgen seines Handelns kaum noch überbli­cken kann. Warsitz schlug vor, die Heteronomie des Ichs einzugestehen, um nicht dem Zwang der autonomen Freiheit zu unterliegen.

Prof. Dr. Ulrich Beuttler, systematischer Theologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, sprach über „Willensfreiheit und Hirnforschung“. Für die empirische Wissenschaft gebe es kein freies, nicht-determiniertes Handeln, denn „neuronale Prozesse sind deterministisch“. Entscheidend hierfür waren die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich vor allem auf das Libet-Experiment beriefen, aus dem sich ergab, dass nicht das bewusste Ich, sondern das limbische System – und damit das Unbewusste – die handlungsbestimmende Instanz sei. Beuttler erläuterte die Probleme dieses Experiments und auch neuere Versuche, die das Libet-Experiment relativieren. Auch hat sich der späte Libet gegen die Leugnung der Willensfreiheit ausgesprochen. Sodann ging Beuttler auf die Frage ein, wer denn bei diesen Experimenten eigentlich die Entscheidungen fällt: das Gehirn oder das Ich? Beide seien nicht identisch. Das Ich sei der Mensch selbst „mitsamt seinem Gehirn“. Manche forderten, dass der menschliche Wille nur dann frei sei, wenn er von nichts abhinge. Doch einen solchen Willen habe der Mensch nicht. – Beuttler ging dann auf das Verhältnis von Geist und Materie ein. Neurologen wie Singer und Roth argumentieren, dass es kein Ich im Gehirn gebe, sondern dass das Gehirn sich selbst dirigiere. Nach Beuttler korrelieren seelisch-geistige Vorgänge zwar stets mit bestimmten (neuro-) physiologischen Vorgängen, was aber nicht bedeute, dass die beiden identisch sind. Schließlich äußerte sich der Referent auch zur sog. „Neurotheologie“, bei der Gott quasi im Gehirn verortet wird, weil religiös-spirituelle Vorgänge stets ihren Niederschlag im Gehirn finden. Beuttlers Einschätzung: Zwar ist das religiöse Erleben im Gehirn real, doch transzendiert dieses Erleben den neurophysiologischen Vorgang durch die Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird (= Transzendenzerfahrung). – Geist und Gehirn seien nicht identisch, resümierte Beuttler; Willensfreiheit und die biologisch-neuronale Determination seien durchaus kompatibel. Es handele sich jeweils um eine Innen- und um eine Außenperspektive (vgl. Wittig). Das Gehirn wird nicht ohne das Ich, das Ich nicht ohne das Gehirn tätig. Sie beziehen sich aufeinander, ohne auf das je andere reduzierbar zu sein. Auf einer fundamentalen Stufe ist der Wille unfrei, auf einer höheren Stufe jedoch frei. Die Determiniertheit des Menschen ist ebenso wenig absolut wie seine Freiheit.

Prof. Dr. Lukas Ohly, Professor für systematische Theologie an der Universität Frankfurt und Pfarrer in Hessen, behandelte das Thema „Willensfreiheit und Neuro-Enhancement: ethische Perspektiven“. Er überraschte seine Zuhörer mit der unmissverständlichen Denkvoraussetzung, der Wille des Menschen sei unfrei. Aber wenn wir den Willen nicht achten, werde er umso unfreier. Man könne seine Freiheit verlieren, auch wenn der Wille unfrei sei. Jedenfalls könne man sich nicht von seinem Willen distanzieren. Man kommt von ihm nicht los. Sodann befasste sich Ohly mit den Mitteln der Neuro-Enhancements: pharmazeutische Steigerung der Intelligenz, Konzentrationserheller bis hin zu der noch theoretischen Möglichkeit, Chips oder W-Lan-Anschlüsse ins Gehirn einzupflanzen. Bei der Implantation eines intelligenten Chips ins Hirn, das mir zusätzliche Fähigkeiten ermöglicht (etwa das instantane Sprechen einer neuen Fremdsprache), könnte das Subjekt die gesteigerte (enhanced) Fähigkeit nicht als Lernprozess nachvollziehen oder mit der eigenen Biographie verknüpfen. Kann sich der Mensch dazu entscheiden, ein anderer zu werden als er ist?, fragte Ohly. Kann sich das Ich wandeln? Jedes Ich wandelt sich. Was ist eigentlich das Ich? Und woher weiß ich, dass ich heute noch der-/dieselbe bin wie gestern? (Vielleicht müssen wir auf „Gott“ vertrauen, dass wir heute immer noch der-/dieselbe sind wie gestern. Diese göttliche Instanz eröffnet eine höhere Dimension. Erstes Beispiel: Jemand hatte einen Unfall und fragt: Wie konnte mir das passieren? Antwort 1: Weil dir jemand die Vorfahrt nahm. Antwort 2: Weil Gott es zugelassen hat. Zweites Beispiel: Warum gibt es diesen schönen Sonnenaufgang? Antwort 1: Weil die Sonne aufgeht. Antwort 2: Weil Gott der Schöpfer ist.) Worin besteht meine Identität? Antwort: In dem Erleben meines Erlebten. Ich erlebe mich als der-/dieselbe. Jedoch kann ich diese meine Identität letztlich nur glauben. Und die begrenzte Willensfreiheit und die Autonomie des Menschen widersprechen einander nicht, so Ohly.

Es schloss sich eine angeregte Aussprache an. Weitere Diskussionen fanden bei den Mahlzeiten und den abendlichen Gruppen statt. Pfarrer Dr. Thorsten Leppek hielt eine Andacht am Samstagmorgen; Raphael Zager predigte im sonntäglichen Gottesdienst über Röm 7: „Ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich.“ Im Alltag sind wir nur selten vor die Aufgabe gestellt, uns zwischen gut und böse zu entscheiden. Meist sind die Probleme vielschichtiger. Oft ist es erst in der Rückschau, dass wir die Folgen unserer Entscheidung als gut oder schlecht bewerten. Die Unsicherheit und Zerrissenheit sei ein menschliches Phänomen. Letztlich ist es unsere Motivation, die entscheidend ist, und der Christ darf darauf vertrauen, dass seine Fehlentscheidungen vergeben werden.

Der Samstagabend stand im Zeichen des 200. Geburtstag der Pianistin und Komponistin Clara Schumann. Vorstandsmitglied Dr. Wolfgang Pfüller führte in das Leben dieser außergewöhnlichen Künstlerin ein und erfreute die Zuhörer mit einigen Kostproben ihres Könnens.

Die Reaktionen der Teilnehmer auf die Tagung waren rundweg positiv. Das Niveau war hoch, die Referate anspruchsvoll, die Diskussionen anregend und die persönlichen Begegnungen bereichernd.

 

Kurt Bangert

Fotos: Dorothea Zager