Auf der Suche nach neuen Wegen

Bericht
von der Jahrestagung 2020 im Hohewart Forum Pforzheim

Die diesjährige Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum fand vom 11. bis 13. September 2020 im Hohewart Forum Pforzheim in Zusammenarbeit mit der Ev. Akademie Baden statt.

Lesen Sie hier den ausführlichen Bericht unseres Vorstandsmitglieds Kurt Bangert:


Jahrestagung des Bundes
zu Albert Schweitzers Ethik

Albert Schweitzer ist nicht nur als Theologe, Philosoph, Organist, Missionsarzt und Friedensnobelpreisträger bekannt, sondern auch für seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die sich ausdrücklich auch auf tierisches Leben bezog. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, lautete ein berühmter Satz von ihm. Um dieses Thema drehte sich auch die Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum, die angesichts der derzeitigen Diskussionen um Massentierhaltung und Massenschlachtung in Corona-verseuchten Schlachthäusern nicht aktueller hätte sein können.

Im sehr schönen Tagungsort des Hohenwart Forums in Pforzheim fand die Tagung unter Corona-Bedingungen statt. Rund 40 Teilnehmer/-innen genossen die moderne, lichtdurchflutete Tagungsstätte, das bekömmliche Essen und tagten in einem großen, gut durchlüfteten Tagungsraum, in dem problemlos die gewünschten Abstände eingehalten werden konnten. Die Tagung wurde in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Baden, dem Deutschen Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, der Stiftung Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum und der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau veranstaltet.

Nach der Begrüßung durch die Akademiedirektorin Pfarrerin Uta Engelmann und den Präsidenten des Bundes, Prof. Dr. Werner Zager, eröffnete Dr. Michael Großmann die Tagung mit seinem Vortrag über die „Beziehung von Mensch und Tier im Wandel der Geschichte“. Der Mensch hatte schon immer ein ambivalentes Verhältnis zum Tier, so Großmann: Einerseits domestiziert er Tiere, andererseits dient ihm das Fleisch der Tiere als Nahrung. Der Mensch vermag genüsslich Schweinefleisch zu verzehren und gleichzeitig mit seinem Hund zu spielen. Man darf heute davon ausgehen, dass der Verzehr von Tieren zu jenem entscheidenden Entwicklungsschub beigetragen hat, der uns zu Menschen werden ließ. Man kann sogar von einer Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Tier sprechen. Das zwiespältige Verhältnis des Menschen zum Tier exemplifizierte Großmann u.a. an der Heuschrecke, die dem Menschen häufig als Nahrung diente, aber auch als Plage im Fall von Schwärmen, die gut und gerne 40 Milliarden Heuschrecken enthalten können. Die Heuschreckenplage war auch ein Beispiel dafür, wie sehr der Mensch sich der Willkür der Natur ausgesetzt sah, weshalb die Tiere zuweilen den Göttern zugeordnet wurden. Wurden Tiere zum Zweck des Verzehrs geschlachtet, so galt die Schlachtung als Opferung, und ein Teil der Organe wurde den Göttern zu Besänftigung geopfert. Tiere wurden vom Menschen immer wieder domestiziert und eingesetzt, sogar als Lasttiere oder Reittiere im Krieg. Im Ersten Weltkrieg sollen fast so viele Pferde ums Leben gekommen sein wie Menschen. Pferde sind auch der Maßstab für das, was wir in unseren modernen Autos als „Pferdestärken“ berechnen. Manche Automarken tragen Pferde sogar als Symbole auf der Kühlerhaube (etwa beim Ferrari oder beim Ford Mustang).


In seinem Vortrag am Samstagmorgen mit dem Titel „Ehrfurcht vor den Tieren?“ konzentrierte sich Prof. Werner Zager auf die Erfahrungen und Lehren Albert Schweitzers. Schon als Kind und als Schüler hatte Schweitzer ein Gefühl der Ehrfurcht vor allen Lebewesen. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ galt für ihn auch für die Tierwelt. Tod und Leid der Tiere dürften nur durch absolute Notwendigkeit verursacht werden. Wenn es schon nötig sei, Tiere zu töten, sollten sie ohne Angst und Qualen getötet werden. Für Schweitzer gehörte das Mitleiden mit den Tieren zum Christentum hinzu. Eltern müssten ihre Kinder zur Barmherzigkeit auch gegenüber der Tierwelt erziehen. Aus der grundsätzlichen Lebensbejahung („Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das Leben will“) ergibt sich für Schweitzer das ethischen Grundprinzip der Ehrfurcht vor allem Leben. Lebensbejahung sei eine geistige Tat, eine Vertiefung des Willens zum Leben. Dabei war Schweitzer keineswegs naiv. Paradiesische Verhältnisse könnten wir nicht erschaffen. Auch für ihn gab es Momente, wo das Töten anderer Lebewesen gerechtfertigt sei. Dabei kann solches Töten jedoch nicht vollzogen werden, ohne dass der Mensch schuldig wird. Der Mensch (und nicht nur der Mensch) ist unter das Gesetz gestellt, auf Kosten anderen Lebens das eigene Leben zu erhalten (er nannte es das „Gesetz der Selbstentzweiung des Lebens“). Wer die Verantwortung für das Töten übernimmt, ist dazu verpflichtet, Leid und Qual zu minimieren. Das gilt auch für Tierversuche, die den Zweck haben, Leben zu erhalten. Es ist zu fragen: Sind solche Versuche wirklich nötig? Und laufen sie ohne Qual und Leid ab? Um solche Fragen zu beantworten, bedarf es einer Ethik des Mitgefühls. Im Mitgefühl hat die menschliche Moral ihre Wurzeln. Daraus leiten sich auch Tierschutz und Tierrechte ab. Und das Wohl der Menschheit, so resümierte Zager auf der Grundlage der Schweitzer’schen Ethik, sei nur durch die Einbeziehung des Wohls der Tiere möglich.


Frau Prof. Dr. Eve-Marie Engels von der Universität Tübingen referierte zu „Alternativen zur Massentierhaltung“, worunter die Haltung von Tieren gleicher Art und Altersgruppe in großen Beständen auf engstem Raum unter Verwendung von mechanischen Einrichtungen und geringstmöglichem Einsatz von Arbeitskräften gemeint ist, und zwar unter manchmal grober Vernachlässigung der natürlichen Bedürfnisse der Tiere. Betroffen seien vor allem Geflügel, Kälber, Rinder und Schweine. Massentierhaltung geht oft einher mit dem Einsatz von Hochleistungstieren (Milchkühe), dem Fehlen landwirtschaftlicher Nutzflächen und einer Kraftfütterung insbesondere bei Schweinen und Geflügel. Frau Engels warf einen (bio-) ethischen Blick auf diese Praxis und begann zunächst beim Verbraucher: Ohne Nachfrage gäbe es keine Massentierhaltung. Das heißt: Unsere Ernährungsweise hat Auswirkungen auf die Tiere, die Umwelt, die Natur insgesamt und natürlich rückwirkend auch auf uns Menschen. Problematisch sei die massenhafte Tötung von Tieren, die keineswegs immer darauf ausgerichtet ist, Angst und Leid zu vermeiden. Bioethische Betrachtungen erfordern eine gesellschaftliche Verständigung über die Spielräume und Grenzen menschlichen Handelns im Umgang mit Tieren (Tierethik). Zur Bioethik gehören die Neuroethik (Grenzgebiet zwischen Neurowissenschaften und Philosophie), Ethik der Genetik, Natur- und Tierethik sowie Ernährungsethik. Ethische Grundpositionen orientieren sich laut Engels an Anthropozentrik (wie hat sich der Mensch zu verhalten?), Pathozentrik (wie können insbesondere höhere Tiere vor unnötigem Leid geschützt werden?), Biozentrik (wie gehen wir mit allem anderen Leben um?) oder Holismus (wie gehen wir mit der unbelebten Umwelt um?). Mensch, Tier, Umwelt sind um ihrer selbst willen schützenswert. Und Engels ging dann noch auf die Entwicklung der Tierethik ein, angefangen von Christian Adam Dann und Albert Knapp über Kant und Schopenhauer bis hin zu Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Gemäß dem Konsistenzargument sei jede Lebensart zu einem artgerechten Leben berechtigt, so Engels.


Am Samstagnachmittag sprach Prof. Dr. Hans-Georg Wittig über die „Grenzen des Wachstums und die Maßlosigkeit des Menschen“, ein Thema, das ihn schon lange umgetrieben habe. Er fing, ganz im Sinne des Tagungsthemas, mit Albert Schweitzers Ethik an, war doch Schweitzer zutiefst von der Denknotwendigkeit seiner Ethik überzeugt. Denken ist mit Verstehen verbunden. Das Gegenteil ist Gedankenlosigkeit, womit aber nicht die Abwesenheit von Logik, sondern eine Grundhaltung gemeint sei, die Bequemlichkeit und Desinteresse einschließt. Wittig unterschied auch – nach Kant – zwischen dem analytischen Verstand und der vom Ethischen geleiteten Vernunft, bei der es zugleich um die Wahrnehmung des Ganzen gehe. Man kann, mit Max Born, die Weltraumforschung (Landung auf dem Mond etc.) als Sieg des Verstandes ansehen und sie gleichwohl als Niederlage der Vernunft betrachten. Auch für Schweitzer war die Vernunft das Licht des Geistes, der versuche, das Wohl des Ganzen zu erfassen. Es geht um tieferes Denken, und tiefes Denken wird religiöses Denken. Im Hinblick auf die Ehrfurcht vor dem Leben ergibt sich: Gut ist, was Leben erhält; schlecht, was Leben zerstört. Schweitzer mutete dem Menschen gewichtige ethische Entscheidungen zu („Verantwortungsethik“). Er plädierte auch dafür, tierisches Leben immer dann zu retten, wenn es ohne Schuld des Menschen in Gefahr geraten sei. Wittig behandelte sodann „die Grenzen des Wachstums“ (zugleich der Titel der Studie des Club of Rome von 1972) und den ungezügelten Ressourcenverbrauch. Der Begriff „Wachstum“ sei für dieses Phänomen eigentlich fehl am Platz, denn organisches Wachstum (von Bäumen etwa) habe immer eine natürliche Grenze: Bäume wachsen nicht in den Himmel. Wenn wir das Wachstum menschlicher Gesellschaften beschränken wollen, so gehe es nicht um Stillstand, sondern um die Wahrung von Grenzen. Es gebe aber durchaus Bereiche, in denen wir unbegrenzt wachsen dürfen (etwa bei der Spiritualität). Wittig streifte auch die Eskalation von Gewalt, die Gefahr des Machtstrebens, die Probleme des Kapitalismus, die Bedrohung der Demokratie und die Gefahr der Künstlichen Intelligenz, die zwar den Verstand ersetzen mag, nicht aber die Vernunft. Zum Schluss sprach er über die Möglichkeit des gewaltfreien Widerstandes, der gegebenenfalls nötig sei, um bedrohliche Fehlentwicklungen zu korrigieren und das öffentliche Bewusstsein voranzubringen. Es gebe aber noch viele andere Möglichkeiten, die Welt zu verändern: etwa durch eine Veränderung der eigenen Lebensweise. Zum Schluss ließ Wittig Carl Friedrich von Weizsäcker zu Wort kommen: „Unsere Ethik darf nicht hinter der Entwicklung unserer Technik zurückbleiben, unsere wahrnehmende Vernunft nicht hinter unserem analytischen Verstand, unsere Liebe nicht hinter unserer Macht.“


Dr. Gottfried Schüz, Vorsitzender der Stiftung des Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrums, hielt den Vortrag „Wovon, womit und wofür leben wir?“ am Sonntagvormittag. Dabei widmete er sich Fragen der Ernährung, der Landwirtschaft und – natürlich – Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben. Geht es uns Menschen nur um die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse oder um ein humanes Miteinander?, fragte der Referent. Und wie kann dieses Miteinander aussehen? Bei seinen Antworten orientierte sich Schüz an Albert Schweitzer. Der habe sich als „schonungsloser Realist und Pessimist“ verstanden, der den Istzustand der Welt nicht leugnen wollte. Aber er verstand sich zugleich auch als Optimist, weil er Ideale und Visionen für wichtig hielt. Auch wenn wir notgedrungen immer wieder dem Leben Schaden zufügen, dürfen wir dies nicht ohne Not tun. Jedes Lebewesen habe einen inneren Wert, der sein Leben lebenswert mache. Leben sei heilig. Dann befasste sich Schüz mit dem derzeitigen Zustand der Landwirtschaft. Ernährte ein Landwirt 1949 noch 10 Menschen, so ernährt er heute 135 Menschen. Die Landwirtschaft kommt heute mit immer weniger Erwerbstätigen aus. Es findet vielerorts nur noch eine monokulturelle Bewirtschaftung statt. Die Umwelt werde zunehmend belastet, vor allem durch zu hohe Nitratwerte. Die Bestäubung durch Wildbienen sei durch den Einsatz der Pestizide in höchstem Maße gefährdet. Der Verlust von Arten ist dramatisch. Weitere Probleme sind der hohe Rindfleischverzehr, der CO 2-Ausstoß sowie die Gentechnik. Auf dem Acker habe ein wahres genetisches Wettrüsten eingesetzt, deren Auswirkungen noch völlig unerforscht seien. Jedenfalls ticke hier eine biologische Zeitbombe. Nicht-manipulierte Produkte gebe es kaum noch. Dabei sei eine ökologische Landwirtschaft gar nicht so schwierig zu organisieren. Sie erfordere Mischkulturen, die Abwechslung von Getreidearten, die Reduzierung von Emissionen und sei durchaus in der Lage, eine wachsende Bevölkerung zu versorgen. Schüz fragte zum Schluss: Was würde Albert Schweitzer angesichts des Zustandes der heutigen Landwirtschaft sagen?

Er nähme die Realität ungeschminkt wahr. Er würde an die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen für alles Leben appellieren und diesbezügliche Gedankenlosigkeit scharf verurteilen. Er würde eine Agrarwende befürworten und sich für Artenschutz und Klimaschutz einsetzen. Ergo: Wir müssen erkennen, dass jeder Eingriff in die Jahrtausende alte Welt unübersehbare Folgen haben kann. Und „wertloses Leben“ – etwa bezogen auf Insekten oder, schlimmer noch, auf indigene Völker – gäbe es nicht.






In drei Gruppen wurden am Samstagnachmittag zu unterschiedlichen Themen angeregte Diskussionen geführt. Nach dem Abendessen fand die jährliche Mitgliederversammlung des Bundes statt.


Im Anschluss daran gab es eine musikalische Hommage an Ludwig von Beethoven, dessen 250. Geburtstag am 17. Dezember begangen wird. Dr. Wolfgang Pfüller stellte Beethoven mit Anekdoten und Hintergrundinformationen vor und spielte auch einige Kostproben vor, wobei es zu einem Novum kam, als Wolfgang Pfüller und Werner Zager, der Präsident des Bundes, gemeinsam ein vierhändiges Musikstück darboten. Der Beifall war ihnen sicher.


Zum Ende versuchten die Referenten und die Veranstalter ein Resümee zu ziehen.

Pfarrerin Dagmar Gruß und Pfarrer Ingo Zöllich zeichneten für den Sonntagmorgengottesdienst in Gestalt einer Dialogpredigt verantwortlich, bei der eine Visionärin jenen Jesajatext (11,1 ff.) zitierte, in dem davon die Rede ist, dass im messianischen Friedensreich der Wolf einst beim Lamm wohnen werde. Der Partner des Zwiegesprächs war der Wolf selbst, der sich nicht nur als Raubtier, sondern auch als fürsorgliches Gemeinschaftstier zu erkennen gab.



Diskussionen am Rande der Versammlungen und während der Mahlzeiten wurden wie immer bei den Jahrestagungen des Bundes zu einem wichtigen Baustein der Tagung. Zahlreiche Teilnehmer betrachteten die Konferenz als einen Erfolg und waren froh, dabei gewesen zu sein.

Verfasser: Kurt Bangert
Fotos: Raphael Zager, Dorothea Zager