Auf der Suche nach neuen Wegen

Bericht
von der Jahrestagung 2021 in Worms

Luther in Worms

Bericht von der Tagung
„500 Jahre Reichstag zu Worms 1521–2021: Ereignis und Rezeption“

Martin Luthers Widerrufsverweigerung am 18. April 1521 vor dem im Wormser Bischofshof versammelten Reichstag zählt zu den Sternstunden der Reformation. Viele sehen in diesem Ereignis den eigentlichen historischen Wendepunkt und die Geburtsstunde des Protestantismus. Aus diesem Anlass veranstaltete die Evangelische Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der Stadt Worms, der Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Bund für Freies Christentum die obige Tagung.

Rund um den Reformationstag 2021 fand vom 29.–31. Oktober 2021 im Wormser Kultur- und Tagungszentrum die Tagung „500 Jahre Reichstag zu Worms 1521–2021: Ereignis und Rezeption“ statt, die vor allem von Prof. Dr. Markus Wriedt von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Prof. Dr. Werner Zager, Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau und Präsident des Bundes für Freies Christentum (sowie Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main) geplant, geleitet und begleitet wurde. Die Tagung erinnerte an Martin Luthers Auftritt vor dem im Wormser Bischofshof versammelten Reichstag und an seine Widerrufsverweigerung vor dem jungen Kaiser Karl V. sowie den anwesenden Reichsständen.

Die unter 2G-Bedingungen stattfindende Tagung war mit rd. 75 Teilnehmern gut besucht und widmete sich nicht nur jenes historischen Ereignisses von 1521, sondern auch der Rezeption jenes Geschehnisses im späteren Bewusstsein protestantischer Christen – bis in die Gegenwart hinein, also 500 Jahre danach.

Veranstaltet wurde die Tagung von der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dem Evangelischen Dekanat Worms-Wonnegau, der Stadt Worms, dem Stadtarchiv Worms und der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Das Treffen fungierte zugleich als Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum, der zu diesem Anlass auch seine jährliche Mitgliederversammlung durchführte.

Am Rande der Tagung fand auch die Uraufführung des von Dr. Hartwig Lehr komponierten und geleiteten Oratoriums „Worms 1521“ im Städtischen Spiel- und Festhaus statt. Mehrere Chöre und zahlreiche jugendliche Künstler trugen zum Gelingen des Oratoriums bei, das traditionelle und moderne Klänge zu verbinden wusste. Dazu gab es ein vorzügliches Orgelkonzert von Kantor Chris­tian Schmitt im Wormser Dom, in dessen unmittelbarer Nähe (im heute aber nicht mehr vorhandenen Bischofshof) Luther den Widerruf verweigert hatte. Teilnehmer der Tagung hatten auch noch Gelegenheit, die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“ im Andreasstift, dem Museum der Stadt Worms, zu besuchen.

Die Tagung wurde am Freitag, dem 29. Oktober, um 16 Uhr in Anwesenheit des Wormser Oberbürgermeisters durch die Theologen Prof. Dr. Markus Wriedt und Prof. Dr. Werner Zager eröffnet, die auch in das Thema einführten.

Prof. Markus Wriedt befasste sich im ersten Vortrag zunächst mit den Voraussetzungen und Folgen von Luthers Auftritt in Worms. Vor 500 Jahren sei eine Weichenstellung erfolgt, so Wriedt, die für den Glauben der Protestanten bis heute bedeutsam geblieben ist. Als Einzelner stand Luther damals für seine Überzeugungen ein, die er ungeachtet der Folgen gegen Papst und Kaiser vertrat. Dabei berief er sich auf sein Gewissen, auf die Vernunft und die Heilige Schrift. Hier in Worms – vielleicht mehr noch als in Wittenberg – hat der Protestantismus seinen Ursprung genommen. Für Markus Wriedt, der in Hamburg geboren und dort auch promoviert wurde, stellt die Zeit der Reformation einen Epochenwechsel dar, zumal zu jener Zeit auch Afrika und Lateinamerika entdeckt wurden und Gutenberg zudem die Buchdruckerkunst erfand. Die Sehnsucht nach Reformen lag seit geraumer Zeit in der Luft, und schon der Wormser Reichstag von 1495 hatte einige wichtige Reformen in die Wege geleitet (wie zentrale Gerichtsbarkeit, Verbot der Blutfehde, Kontrolle des Kaisers durch die Fürsten sowie Einführung der Kopfsteuer). Bedenklich erschien vielen jedoch die weiterhin gültige institutionelle Heilsvermittlung (durch Buße und Eucharistie). Verirrungen wie der Ablasshandel und der damit verbundene Glaube an das Fegefeuer hatten immer noch Hochkonjunktur.

Luther selbst war, so Wriedt, geprägt nicht nur vom Frömmigkeitsgefühl seiner Zeit, sondern auch von der weit verbreiteten Heilsunsicherheit, die Luther dazu veranlasste, Augustiner-Mönch zu werden, um sich des Heils zu vergewissern. Eine große Hilfe war dabei Luthers Beichtvater und Supervisor Johann von Staupitz, der Luther fragte, wofür Christus denn wohl gestorben sei. Darauf Luther: „Für unsere Sünden.“ Wie würde sich denn Christus fühlen, so Staupitz, wenn Luther nun sage, das reiche ihm nicht. Dieses Argument verfehlte seine Wirkung nicht. Luther konzentrierte sich fortan auf das paulinische Wort „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ und deutete den Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ nicht im Sinne eines vollkommenen göttlichen Maßstabs, sondern vielmehr als dem Menschen von Gott zugewandte Gerechtigkeit. Luther vermochte seine Überzeugungen vor seinen Professorenkollegen und Studenten plausibel vorzutragen. Mit der Anheftung seiner 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg entstand eine neue Theologie. Da er sich für seine Thesen auf Paulus ebenso wie auf Augustin berufen konnte, schickte er sie guten Gewissens – in lateinischer Sprache – an seine Vorgesetzten.  

Während Luther bei einem akademischen Streitgespräch (Disputation) seiner Thesen in Heidelberg (1518) durchaus auf verständnisvollen Widerhall stieß, kam es kurze Zeit später bei Luthers Verhör im Anschluss an den Reichstag zu Augsburg zu einem regelrechten Eklat. Thomas Cajetan, der päpstliche Legat, forderte Luther wegen seiner Ablass-Thesen zum Widerruf auf. Weil Luther seine Verhaftung befürchtete, floh er heimlich aus Augsburg. Cajetan urteilte: „Wenn dieser Mensch recht hat, heißt das eine neue Kirche bauen.“ Papst Leo X. gab 1520 die Bannandrohungsbulle gegen Luther heraus, die Luther verbrannte und ignorierte, sodass ihn der Bann des Papstes traf, den der Kaiser zu vollstrecken hatte, der dringend Geld benötigte, das ihm die Fürsten aber nur gewähren wollten, wenn er Luther zuvor anhörte.

Luther reiste zum Reichstag nach Worms, wo er am 17. April 1521 aufgefordert wurde, seine ketzerischen Schriften zu widerrufen. Nach einer eintägigen Bedenkzeit weigerte sich Luther, seine Thesen zu widerrufen, sofern er nicht mit Zeugnissen der Schrift und mit Vernunftgründen widerlegt werde. „Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun.“ Karl V. brach daraufhin die Verhandlung ab und gab am nächsten Tag eine Erklärung heraus, in der es hieß: „Es ist sicher, dass ein einzelner Bruder in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die der ganzen Christenheit, wie sie seit mehr als tausend Jahren und heute gelehrt wird, steht, denn sonst hätte ja die ganze Christenheit heute und immer geirrt.“ Der Kaiser brachte den Reichstag dazu, das Wormser Edikt zu verabschieden, mit dem über Luther die Reichsacht verhängt wurde. Weil das Edikt jedoch erst am 25. Mai verlautbart wurde, konnten einige Fürsten hernach behaupten, gar nicht anwesend gewesen zu sein, sodass sie sich nun weigerten, das Edikt durchzusetzen. Inzwischen war Luther längst auf der Wartburg, wo er das Neue Testament zu übersetzen begann. Aufgrund seines Auftritts in Worms trat Luthers Anliegen der rechten Schriftauslegung in den Hintergrund, während die Rolle des Gewissens und der Vernunft in den Vordergrund geriet und Anlass für weiterreichendere Diskussionen gab.

Prof. Albrecht Beutel vom Seminar für Kirchengeschichte an der Universität Münster sprach zum Thema „Luthers Bekenntnis vor Kaiser und Reich“ mit einer besonderen Betonung auf die christliche Freiheit und die Gewissensbindung. „Lege dein Gewissen nieder“, forderte Johann von Eck, der Justitiar des Erzbischofs von Trier, Luther auf, nachdem dieser sich auf sein Gewissen berufen hatte. „Weil mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, kann ich nicht widerrufen“, hatte er gesagt. Die beiden Sätze offenbaren, laut Beutel, den Unterschied zwischen einem scholastischen Gewissensverständnis des Trierer Justitiars und demjenigen Luthers. Für Luther war sein Gewissen eng an die Heilige Schrift geknüpft. Mit seinem Gewissen steht der Mensch unmittelbar vor Gott. Es ging um nichts weniger als um die Befolgung des ersten Gebots. Und wer ein gutes Gewissen haben will, dürfe sich nach Luther nicht auf seine guten Werke berufen, was nur in die Irre führen würde; er müsse sich auf den Glauben berufen. „Der Glaube gibt nicht nur ein gutes Gewissen; er ist es“, zitierte Beutel Gerhard Ebeling. Laut Luther macht erst der Glaube ein Werk gut. Die christliche Freiheit, von der Luther sprach, war die Freiheit des Gewissens. Und dieses gute Gewissen hänge weniger an unseren guten Werken als vielmehr am Werk Christi. Freilich: das Gewissensverständnis, das Luther in Worms vortrug, war nicht neu gewesen. Es fand sich bereits in seiner Schrift über die „Freiheit eines Christenmenschen“. Es ging Luther nicht um eine allgemeine menschliche Freiheit – davon war er noch weit entfernt –, sondern um jene christliche Freiheit, die in Luthers berühmter Antithese zum Ausdruck kam: Einerseits: „Ein Christ ist niemandem untertan“; und andererseits: „Ein Christ ist jedermann untertan“. Gemeint ist in beiden sich scheinbar widersprechenden Thesen die Freiheit vor Gott; denn der Christ lebt nicht für sich selbst, sondern in Christus durch den Glauben und im Nächsten durch die Liebe. „Glaubst du, so hast du. Glaubst du nicht, so hast du nicht“, so Luther. Und schon gar nicht sei das christliche Gewissen an die Kirche gebunden, hatte Luther dem päpstlichen Legaten Thomas Cajetan auf dem Reichstag in Augsburg 1518 zugerufen, worauf dieser ihn zur Tür hinauswies. Ein halbes Jahr nach dem Auftritt vor dem Reichstag zu Worms schrieb er seinem Vater, dass Christus ihn aus der Kutte gerissen habe. Durch die Wiederentdeckung des Evangeliums sei sein Gewissen frei geworden. Er sei eine neue Kreatur geworden. Nicht dem Papst, sondern nur Christus sei er verpflichtet. 1525 trat Luther aus dem Mönchsstand aus und in den Ehestand ein. Alle Furcht war von Luther gewichen. „Wer Gott fürchtet, der fürchtet weder Tod noch Teufel.“

Prof. Dr. Hellmut Zschoch von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal sprach zu Luthers Wormser Auftritt im Spiegel zeitgenössischer Publizistik. Seit dem Thesenanschlag von 1517 habe sich eine neue Öffentlichkeit gebildet, weshalb Luthers Erscheinen vor dem Reichstag zu Worms ein beträchtliches Echo hervorrief. Nach Worms bemühten sich Luther und seine Befürworter darum, die Deutungshoheit über das zu gewinnen, was in Worms geschehen war. Schon die bloße Ankündigung seines Erscheinens vor dem Kaiser hatte Luther als Person des öffentlichen Interesses aufgewertet, und Luther beabsichtigte, dieses Interesse in seinem Sinne zu bedienen. Im Nachgang zu Worms sollte sein Auftritt publizistisch als Erfolg dargestellt werden und ihn als moralischen Sieger (und nicht als verurteilten Ketzer) ausweisen. In verschiedenen Briefen interpretiert Luther seine Aussagen vor dem Kaiser. Er wolle als guter Untertan des Kaisers verstanden werden und nicht als unbotmäßiger Aufrührer. Luthers Rede in Worms wird abgedruckt und verbreitet. Er wird nicht als übermütiger Selbstdarsteller geschildert, sondern als Theologe, der nur seinem Gewissen und dem Wort der Schrift folgt. Prof. Zschoch vermutete, dass der unhistorische Zusatz seiner Wormser Rede – „Ich kann nicht anders. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen“ – von Luther selbst in seinen späteren Publikationen hinzugefügt worden sei. Luther wird in diesen Veröffentlichungen nicht als Opfer der politischen Macht dargestellt, sondern als ein ernst zu nehmender Gesprächspartner. So wird er auch auf den meisten Abbildungen gemalt. Manche Publikationen bilden Luther mit Heiligenschein und einer Taube ab, die den Heiligen Geist symbolisieren soll. Dabei zeigen die Publikationen zwei Stoßrichtungen. Die auf Deutsch verfassten Pamphlete zielen auf die breite Öffentlichkeit ab. Die auf Latein verfassten Publikationen richten sich an die gebildeten Humanisten. Es wird auch das Bild einer antichristlichen Kirche gezeichnet, deren Anführer ungläubig und korrupt seien. „Es ist kein großes Ding, einen kleinen Mönch zu töten, aber die ganze Macht kann das Evangelium nicht unterdrücken“, heißt es im „Schönen Dialogus“. Luther wird als unerschrockener und leidenschaftlicher Christusnachfolger geschildert. In anderen Veröffentlichungen wird Luther gelegentlich sogar mit Christus und dessen Passion verglichen, wobei an die Stelle des Kreuzes das Verbrennen von Luthers Schriften tritt. Ein Zeuge bekennt – ähnlich wie der Hauptmann unter dem Kreuz Christi: „Wahrlich, dieser ist ein wahrer Christ.“ Luther wird als Leidender dargestellt. Eine Publikation ist sogar überschrieben „Passion Dr. Martin Luthers“. Darin heißt es: „Luther hat gelitten unter den Papisten und ist auferstanden in den glaubenden Christen.“ Hellmut Zschoch verwies auch auf die Predigten Luthers, in denen er die Deutungshohheit über das Wormser Geschehen für sich reklamiert. Dabei haben Kaiser und Papst die schlechteren Karten; denn während sich die kaiserlichen und päpstlichen Institutionen auf ihre Macht verlassen, bauen Luther und seine Getreuen ganz auf die Kraft des gedruckten Wortes.

Prof. Dr. Albrecht Geck vom In­stitut für kirchliche Zeitgeschichte in Recklinghausen referierte über Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich im Visier der Bilder und des Films. Auch für Geck war Worms der eigentliche reformatorische Fix- und Wendepunkt. Luther verließ Worms als freier Mann; denn erst am 25. Mai 1521 wurde über Luther die Reichsacht ausgesprochen. Durch zahlreiche Bilder ist der vor dem Reichstag erscheinende Luther fest in der protestantischen Erinnerungskultur verankert worden. Das erste Bild Luthers stammt wohl von Wolfgang Stöckel und ziert die Titelseite einer Lutherpredigt aus dem Jahr 1519. Ein anonymer Holzschnitt aus dem Jahr 1568 zeigt den „Lutherus Triumphans“, auf dem er alle anderen Theologen von Worms überragt und auf Augenhöhe nur mit dem Kaiser abgebildet wurde. Der Maler Carl August Schwerdgeburth (1785–1878) zeichnete Luther in Kupferstichen nicht nur vor dem Reichstag in Worms, sondern auch in einem Weihnachtsensemble im trauten Familienkreis, wobei auf dem mit Geschenken versehenen Weihnachtstisch auch ein leuchtender Weihnachtsbaum steht, sodass man Luther sogar die Stiftung dieses Brauches andichtete. Auch Anton von Werner (1843–1915), berühmt für sein Bild der Kaiserkrönung Wilhelms II. in Versailles, malte Luthers Auftritt in Worms, wobei Luther ebenso zentral abgebildet wurde wie Bismarck vor dem Kaiser. Hier scheint ein innerer Zusammenhang hergestellt zwischen den Ereignissen von 1521 und 1871. Die Ereignisse um Worms wurden zum protestantischen Mythos, und der Mythos wurde zum historischen Ereignis. Luther wird rezipiert als in der Autorität Gottes stehend. Er wird zum neuen Kirchenvater, der seine Kirche fördert und fordert. Von eindrücklicher Kraft sind auch die Lutherstatuen. Zu nennen wären hier vor allem die Lutherstatue von 1821 in Wittenberg von Johann Gottfried Schadow und das Lutherdenkmal in Worms von Ernst Rietschel von 1868. In beiden Fällen ist Luther mit einer großen Bibel abgebildet, auf die er sich kraftvoll beruft. Schließlich wären noch die zahlreichen Lutherfilme zu nennen, von denen der letzte von 2003 vielen Lesern noch in Erinnerung sein wird.

Dr. Gabriele Stüber vom Zen­tralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer berichtete in ihrem lebendigen Vortrag von diversen Lutherfestspielen, die vor allem im 19. Jahrhundert zahlreich auf die Bühne gebracht wurden. Sie erfreuten sich damals großer Beliebtheit. In Worms wollte man sogar ein Festspielhaus zu Ehren Luthers errichten. Schaut man sich die Texte heute an, zeugen sie allerdings nicht von großer literarischer Qualität, so Stüber. Außerdem habe sich Luther nur bedingt für die Bühne geeignet, da mit dem Reichstag in Worms der biographische Höhepunkt eigentlich schon erreicht war, sodass die nachfolgenden Lutherjahre nur als antiklimaktisch erscheinen mussten.

Den Abschluss der Vorträge bildete das Referat von Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, der in Marburg neuere Kirchengeschichte lehrt. Er sprach zum Thema „Luther als Herold der Freiheit“ im Verständnis des Protestantismus. Die Wormser Ereignisse seien zum konstitutiven Bezugspunkt protestantischer Identität geworden, so Schäufele. Das hänge vor allem mit dem Freiheitsbegriff zusammen. Der Referent begann mit dem Hinweis, dass sich der Sohn des Hüttenmeisters Hans Luder (von Lothar herrührend) erst seit 1517 „Luther“ nannte,  was wohl in Anlehnung an das griechische Wort für Freiheit (eleutheria) erfolgte, womit sich Luther selbst mit der Freiheit zu identifizieren suchte. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) spricht Luther von einer Freiheit, die kein unabhängiges, autonomes Gewissen meint, sondern sich an das Wort Gottes und das Evangelium gebunden weiß. Hat Luther damit einen Beitrag zum politischen Freiheitsbegriff geleistet? Obwohl von Luther nicht intendiert, haben viele Interpreten sich doch auch für ihre politischen Freiheitsvorstellungen auf Luther berufen. Gerade die Aufklärer sahen in Luther einen Herold der Freiheit und suchten seine unvollendete Reformation zu Ende zu bringen. Der Fokus verlagerte sich zunehmend von Luthers Lehre auf Luthers Person. Luther wurde zum Wahrheitssucher, zum religiösen Bekenner, zum Former der deutschen Sprache usw. Insofern fand auch eine Verlagerung vom Religiösen zum Kulturellen statt. Die Reformation führte konsequenterweise in die Moderne hinein. Lessing suchte sogar Luther zu überwinden, indem er sich auf Luther berief: „Du, Luther, hast uns von dem Joch der Tradition befreit. Wer erlöst uns von dem Joch des Buchstabens?“ Luther wird somit zum Kronzeugen für die Kritik an Luthers Lehre. Wer die Freiheit propagierte, konnte sich auf Luther berufen. Herder meinte: „Freiheit ist der Grundstein aller protestantischen Kirchen.“ Somit wird die Reformation zum Wendepunkt der Geschichte. Mit der Reformation begann auch die Neuzeit (so Hegel). Der Mensch ist durch sich selbst bestimmt zur Freiheit. Hegel brachte diese Entwicklung auf den Punkt, als er zur Festrede zum 300-jährigen Bestehen des Augsburger Bekenntnisses  sagte: „Die Freiheit der Reformation muss sich ausweiten zur Freiheit des Menschen.“ Für Albrecht Ritschl war Luthers Freiheitsbegriff der Schlüssel für die Richtung, in welche die Staaten seit 300 Jahren gegangen waren. Auch das 20. Jahrhundert sieht in der Reformation eine bedeutende Zäsur. Zwar standen die Reformatoren dem Mittelalter näher als der Moderne, aber sie selbst haben die Moderne eingeleitet. Nachdem man sich mehr und mehr von der Orthodoxie Luthers distanziert hatte, vermochte man im 20. Jahrhundert Luther als Theologen wieder ernst zu nehmen. Jedenfalls ist die Bestimmung des Verhältnisses von Reformation und Moderne noch in vollem Gang, so der Referent. Ist es gerechtfertigt zu sagen: Der Protestantismus ist die Kirche der Freiheit?

In der abschließenden Podiumsdiskussion, die von Raphael Zager geleitet wurde, fragten die Referenten vor allem nach dem „richtigen Lutherbild“. Gibt es das überhaupt? Im Lutherjahr 2017 machte Prof. Wriedt die Erfahrung, dass eine kritische Herangehensweise innerhalb der Kirche auf großen Widerstand traf. Man wollte sich das positive Lutherbild nicht zerstören lassen. Prof. Geck konstatierte, dass man erst seit 2017 die Rezeptionsgeschichte Luthers in den Blick genommen habe. Bis dahin sei die Vorstellung weit verbreitet gewesen, Luther habe quasi direkt zur Gegenwart gesprochen. Inzwischen ist uns aber die große Distanz zu Luther bewusst geworden. Frau Dr. Stüber warnte davor zu meinen, wir wüssten genau, wie es damals zugegangen sei. Es störe sie, dass man oft sehr selektiv vorgehe, um sich mit großer Beliebigkeit auf Luther zu berufen. Sie bemängelte auch, dass viele junge evangelische Christen heute nicht mehr wüssten, wofür der Protestantismus überhaupt steht. Prof. Schäufele sah in den vergangenen 500 Jahren ein Verständigungshindernis, zumal viele Traditionsinhalte heute nicht mehr vorausgesetzt werden, die früher noch selbstverständlich waren. Prof. Beutel betonte, wir dürften heute nicht auf Luther – oder gar auf Jesus – hoffen, um zu klären, was wir heute zu leisten haben. Diese Fragen müssen wir uns selbst beantworten. Weder Jesus noch Luther würden verstehen, welche Probleme es heute zu lösen gilt. Prof. Wriedt beklagte, die gegenwärtige Kirche bediene nicht die heutigen Bedürfnisse. Prof. Zager fasste die Tagung mit dem Hinweis zusammen, dass man sich zwar intensiv mit der Rezeptionsgeschichte befasst habe, aber doch nicht völlig losgelöst von dem, was tatsächlich geschehen sei, auch wenn wir das Geschehene nicht in allen Details zweifelsfrei rekonstruieren könnten.

Insgesamt war die Veranstaltung ein gelungenes Gedenken an ein historisches Ereignis, das zwar ein halbes Jahrtausend zurückliegt, dessen nachhaltige Auswirkungen auf den Geschichtsverlauf und die Ideengeschichte aber heute immer noch deutlich spürbar sind.

Verfasser: Kurt Bangert

Fotos: Raphael Zager, Dorothea Zager