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2019-06-08

Zwei Ereignisse, die unser Weltverständnis veränderten

Am 29. Mai 1919, also vor gerade hundert Jahren, fand eine Sonnenfinsternis statt, die der bekannte britische Astrophysiker Sir Arthur Stanley Eddington zum Anlass nahm, die 1915 von Albert Einstein vorgelegte allgemeine Relativitätstheorie zu überprüfen. Mit seiner speziellen Relativitätstheorie von 1905 hatte Einstein zunächst ein neues Verständnis von Raum und Zeit begründet, die nicht länger als absolut und unveränderlich, sondern als relativ zu betrachten seien. Absolut war demnach nur noch die Lichtgeschwindigkeit, über die hinaus nichts Schnelleres möglich sein würde. Mit der allgemeinen Relativitätstheorie postulierte Einstein, dass die Gravitationskraft nicht nur als Anziehungskraft, sondern als Raumkrümmung gedacht werden könne. Er sagte voraus, dass das Licht entfernter Objekte durch die Anwesenheit massiver Objekte gekrümmt, also abgelenkt werden würde. Diese These Einsteins wollte Eddington mit seinen Teams überprüfen lassen. Er hoffte, dass man die Ablenkung des Lichts eines Sternesin der optischen Nähe der Sonne während einer Sonnenfinsternis beobachten und messen könne, weil just zu diesem Zeitpunkt das Licht der Sonne nicht das Licht des fernen Sterns überstrahlen würde. Das Licht eines Sterns, der sich weit hinter der Sonne befindet, würde durch die Sonnenmasse so verschobenwerden, dass sich die Position des Sterns aus der Sicht des irdischen Beobachters an einer anderen als der sonst üblichen Stelle befände. Obwohl der Stern hinter der Sonne positioniert ist und sein Licht darum eigentlich nicht zu sehen wäre, würde das Licht abgelenkt und an einer verschobenen Position sichtbar werden.

Arthur Eddington sandte zwei Teams dorthin, wo eine totale Sonnenfinsternis erwartet wurde: ins brasilianische Amazonasgebiet und auf die Insel Principe nahe Afrika. Beide Teams sammelten reichlich Aufnahmen und Daten, um anschließend bekanntgeben zu können, dass die Vorhersagen und Berechnungen Einsteins sich bewahrheitet hätten. Erst nach dieser Bekanntgabe wurde Einstein weltberühmt. Sein Ruf als genialer Denker ging um die Welt. Einsteins Relativitätstheorie ist seitdem in unzähligen Experimenten und Beobachtungen immer wieder bestätigt worden. Das Newton’sche Weltbild vom absoluten Raum und von der absoluten Zeit war vom Einstein’schen Weltbild der relativen Raumzeit verdrängt worden. Der entscheidende Durchbruch waren Einsteins Berechnungen und Eddingtons Beobachtungen. Das war vor genau 100 Jahren.

Das Ereignis vom 29. Mai 1919 wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn sich nicht an jenem Tag unser Mond in seiner vollen Größe vor die Sonne geschoben hätte, um so das Licht der Sonne abzuschirmen und eine Sonnenfinsternis zu ermöglichen.

50 Jahre später, am 21. Juli 1969, – und das heißt: vor nunmehr 50 Jahren – stand der Mond wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin mit ihrer Mondlandefähre „Eagle“ auf unserem Erdtrabanten im Mare Tranquillitatis („Meer der Ruhe“) aufsetzten und auf der staubigen Mondoberfläche ihre ersten Sprünge machten. „That’s one small step for man, one giant leap for mankind“, lautete der erste Satz, den Armstrong sprach, als er den Mondboden berührte. Worin bestand jener gewaltige Sprung der Menschheit?

Jeder, der das Ereignis damals mitverfolgte, weiß heute noch genau, wo er sich damals aufhielt. Ich befand mich zu jenem Zeitpunkt in den USA – genau: in Knoxville, Tennessee – und konnte die Mondlandung an einem schwarz-weißen Fernsehbildschirm tagsüber erleben. Ich kannte Amerikaner, die bis zur letzten Minute davon überzeugt waren, dass Gott dem Menschen nicht erlauben würde, auf dem Mond zu landen. Sie rechneten damit, dass noch etwas passieren müsse, diese Anmaßung des Menschen zu vereiteln; denn sie rechneten den Mond zum Himmelsbereich, der allein Gott vorbehalten wäre. Dass der Mensch sich erdreisten würde, ins Hoheitsgebiet Gottes einzudringen, war ihnen äußerst suspekt. Ich selbst rechnete damit, dass die Mission, weil so gut vorbereitet, auch gelingen müsse, zumal der Mond für mich zur diesseitigen Welt gehörte. Ob es jenseits von ihm noch eine „himmlische, göttliche Welt“ gibt, wer vermochte das sicher zu sagen? Als die Mondlandung dann erfolgreich abgeschlossen und die Astronomen sicher  zur Erde zurückgekehrt waren, überwog bei mir das Gefühl, an einem weltbewegenden historischen Ereignis präsent gewesen zu sein. Die kritischen Stimmen waren schnell verstummt.

Der Mensch hatte das All erobert. Doch: hatte er das wirklich? War ihm nicht vielmehr vor Augen geführt worden, wie klein und abgelegen seine Welt und wie unsagbar groß das Universum sei, das er nicht im Traum zu erobern sich anmaßen könne? Das Universum mit seiner Ausdehnung von mindestens 14 Milliarden Lichtjahren und seinen Billionen von Galaxien mit jeweils vielen Milliarden von Sternen lässt den Menschen klein und unbedeutend erscheinen, obwohl er sich doch selbst so furchtbar wichtig nimmt und sich als Mitte des Universums wähnt.

Es gab noch weitere fünf erfolgreiche Mondmissionen. Eine Mission misslang: Apollo 13 konnte nicht landen, sondern kehrte unverrichteter Dinge zur Erde zurück. Die letzte Landung gelang mit Apollo 17 am 11. Dezember 1972. Ich befand mich gerade in Uagadugu, der Hauptstadt von Burkina Faso. Im Gespräch mit einem muslimischen Tuareg (s. sein Bild) wies ich ihn auf die Tatsache hin, dass just in diesem Moment, da wir den Mond am Himmel stehen sahen, Menschen auf dem Mond gelandet seien, um zu sehen, wie er reagieren würde. Er sagte nichts und schaute mich nur ungläubig an, als wolle er sagen: Ich habe ohnehin Mühe, die Weißen zu verstehen; aber dieser hier ist offenbar komplett übergeschnappt.

Die beiden Ereignisse vor 100 und vor 50 Jahren lassen uns erkennen, dass unser Wissen Stückwerk ist und unsere Bedeutung nichtig. Was uns Mut zum Sein erfassen lässt, ist allerdings der Glaube an die Einzigartigkeit des Menschen im Allgemeinen und unserer selbst im Besonderen, dazu unsere Freude, überhaupt zu existieren und wenigstens einen kleinen Zipfel des Universum zu erheischen, auch wenn unsere Existenz im Vergleich zum Alter des Weltalls nur wie ein Wimpernschlag ist. Für uns indes ist das Leben das Kostbarste, was uns das Universum zugeteilt hat.

Kurt Bangert

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