Auf der Suche nach neuen Wegen

Die Geschichte des Bundes für Freies Christentum



70 Jahre Bund für Freies Christentum

Eine kurze Geschichte// Andreas Rössler und Kurt Bangert

 

Im September 1948 wurde der Bund für Freies Christentum gegründet. Ausgangsdatum war der „Deutsche Kongress für Freies Christentum“ vom 21.-23. September 1948 in Frankfurt am Main. Dort ist der „Deutsche Bund für freies Christentum“ gegründet worden, genau einen Monat nach der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) am 23. August 1948 in Amsterdam.

Beides hat insofern miteinander zu tun, als die meisten Mitglieder der Vereinigungen eines freien Christentums in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich zwar den Mitgliedskirchen des ÖRK angehörten, aber mit der dort vertretenen Lehre von der Gottheit Jesu Christi ihre Schwierigkeiten hatten.

Der Frankfurter Kongress 1948 und die dortige Gründung des Bundes waren in erster Linie der Initiative des Pfarrers Erich Meyer (1884–1955) zu verdanken. Von dem befreundeten Pfarrer Friedrich Manz (1872–1957), der ihm von Anfang an zur Seite stand, ist er „der Gründer und die Seele unseres Bundes“ genannt worden.

Auch die später im Bund mitverantwortlichen Pfarrer Hermann Marhold und Hans Pribnow gehörten zu den Mitbegründern. Dazu kam der Hamburger Theologieprofessor Walter Bülck (1891–1952). Der Zusammenschluss mehrerer liberaler Bünde und zahlreicher Freunde eines freien Christentums hatte das Ziel, die in der theologischen Entwicklung der vergangenen 200 Jahre ausgebildeten Züge eines „freiheitlich bestimmten Christentums“ in der restaurativen Atmosphäre der Nachkriegszeit nicht untergehen zu lassen. „Freiheit“ war das kräftige Leitmotiv, in dem sich Traditionen des Neuen Testaments, der Reformation und der Aufklärung bündelten. Es ging, geistlich verstanden, um die „Freiheit eines Christenmenschen, der in all seiner gefährlichen Freiheit gehalten wird von einer verborgenen Hand, der aus aller Gottesferne wieder heimgeholt wird“. Der neue Bund sollte ein „Helfer zur rechten Freiheit der Kinder Gottes“ sein (B 48/13 f.1)*, eine „Sammlung aller derer, die in Freiheit fromm sein wollen“ (FC 50/9/4)*.

Was das etwa konkret heißen sollte, beschrieb Erich Meyer so: „Aus unserem Verständnis des Evangeliums heraus lehnen wir dann allerdings allen Dogmatismus, jeden Totalitätsanspruch einer theologischen Richtung in der Kirche, alle Konfessionalisierung und Klerikalisierung der Kirche wie der Welt, alle Orthodoxie und jedes gesetzliche Verständnis der Bibel und der Bekenntnisse der Kirche ab“ (49/8/2)*.

Die Gründer des Bundes wandten sich damals gegen eine „lehrgesetzliche Verpflichtung gegenüber irgendwelchen Bekenntnissen“ (B 48/4)*, auch gegen „ein durch Bekenntnisse der Vergangenheit gestütztes Glaubensgesetz“ sowie gegen „überspitzten innerprotestantischen Konfessionalismus“ (B 48/5)*, gegen „Verengung, eine peinliche Fixierung der ‚reinen Lehre‘ … geistlichen Zwang“ (B 48/13)*, weil „nicht irgendwelche Bekenntnisautorität Kirche baut, sondern allein lebendiger und gegenwärtiger christlicher Glaube“ (B 48/5)*.

Im freien Christentum war man sich darin einig, dass eine wörtliche (literalistische) Bejahung der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse nicht zur Pflicht gemacht werden darf. Nach der „Allgemeinen Entschließung“ von 1948 lässt sich „der aus dem Geist Jesu Christi lebende Glaube ... nicht in starren Formen von Dogmen und Bekenntnissen einfangen“, weil er „nur dort zur Wirkung kommen kann, wo das an Gott gebundene Gewissen sich in freier Entscheidung zum Evangelium als der Frohen Botschaft von der erlösenden Gnade und Liebe Gottes bekannt hat“ (B 48/34)*.

Der Einspruch des freien Christentums gegen allen Dogmen- und Bekenntniszwang hing zusammen mit der uneingeschränkten Bejahung der historisch-kritischen und religionsgeschichtlichen Methoden in der Theologie und mündete in ein Plädoyer für die „Volkskirche“ und die Warnung vor Sektierertum. Walter Bülck sah hier schwere Probleme auf den Protestantismus zukommen: „Die Kirche kann nicht gleichzeitig Sekte und Volkskirche sein.“ (FC 49/9/2)*

Der Bund für Freies Christentum – wie gesagt, im selben Jahr gegründet wie der Ökumenische Rat der Kirchen – konnte allerdings nie die Verbreitung finden, die er sich fraglos vorgestellt und gewünscht hatte. Das hing wohl damit zusammen, dass die liberale Theologie durch die dialektische Theologie der Barthianer in Verruf geriet. Einige namhafte liberale Theologen hatten sich nicht nur für den deutschen Kampf im Ersten Weltkrieg ausgesprochen, sondern sich dann auch bei den „Deutschen Christen“ während des Nationalsozialismus engagiert. Zwar gab es auch liberale Christen, die sich für die Bekennende Kirche einsetzten, aber hier waren es vor allem die dialektischen Theologen, namentlich Karl Barth, die sich frühzeitig gegen das Hitlerregime aussprachen.

Da das Etikett „liberale Theologie“ verdächtig geworden war, hat sich der Bund hin und wieder mit der Bezeichnung „liberal“ auseinandergesetzt. Man wollte sich nicht auf die „Liberalen alten oder neuen Schlages“ (50/9/4)* beschränken oder festlegen lassen, konnte sich aber auch von der liberalen Theologie bedeutender Geister wie Friedrich Schleiermacher, Albrecht Ritschl, Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch nicht distanzieren, ohne wesentliche eigene Wurzeln zu verleugnen.

Eine wichtige Wegweisung war das 1953 erschienene Buch „Die neue liberale Theologie“ des Berner Theologen Ulrich Neuenschwander (1922–1977), das dazu half, zwischen altem und neuem Liberalismus zu unterscheiden.

Der „neue Liberalismus“ hatte unter dem Eindruck zweier Weltkriege den naiven Fortschrittsgedanken abgelegt, das Zwiespältige im Dasein und die menschliche Sünde wieder wahrgenommen, sich die in der Rede vom „verborgenen Gott“ zusammengefasste Erkenntnis der Abgründigkeit Gottes wieder zu eigen gemacht, die Botschaft von der Erlösung in Jesus als dem Christus unterstrichen und Paulus als legitimen Interpreten Jesu anerkannt (vgl. Hansjörg Jungheinrich in FC 57/12/154; 59/4/49; 88/2/29)*.

Auf dieser Linie konnte dann der Begriff „liberal“ wieder ohne Scheu benutzt werden, philosophisch untermauert von der „Liberalität“ eines Karl Jaspers, der sich über die drei von Albert Schweitzer bestimmten Schweizer Theologen Martin Werner (1887–1964), Fritz Buri (1907–1995) und Ulrich Neuenschwander immer mehr zu einem Lieblingsphilosophen des freien Protestantismus entwickelte.

Eine Massenbewegung ist der „Bund für Freies Christentum“ – wie er seit dem Bremer Kongress im Oktober 1962 offiziell heißt – freilich nicht geworden. Im Gegenteil, die Zahl der Einzelmitglieder (also die korporativ angeschlossenen freichristlichen Gemeinschaften nicht mitgerechnet) ist bis heute auf wenige hundert Mitglieder zusammengeschmolzen.

Im Bund hat man sich laufend Gedanken gemacht, womit die bescheidene Resonanz zusammenhängen mag. Die Herrschaft der Theologie Karl Barths nach 1945 wird eine wichtige Rolle gespielt haben. Andererseits kam der „gedrehte Wind“ nicht dem organisierten freien Christentum zugute.

Mit dem Plädoyer für kritische und religionsgeschichtliche Methoden in der Theologie rennt der Bund jedoch inzwischen offene Türen ein. Von einem Zwang, die überkommenen Bekenntnisse wörtlich verstehen zu müssen, kann in den evangelischen Kirchen nicht mehr die Rede sein. Wer im Sinne eines freien Christentums denkt, findet im Protestantismus durchaus seinen Platz.

Mit den „Hanauer Sätzen“, die auf dem Frankfurter Kongress 1968 vorgestellt wurden (FC 69/3/37-40)*, erarbeitete der Bund unter Federführung Ulrich von Hasselbachs ein Positionspapier, das ein beachtliches Echo fand. Zur Frankfurter Arbeitstagung 1978 konnte zudem ein Faltblatt vorgelegt werden (FC 78/3/74 f.)*, in dem die wesentlichen Programmpunkte des Bundes knapp zusammengefasst wurden. Darin heißt es, dass von „der Gestalt und den Weisungen Jesu Orientierungshilfen“ erwartet würden. Als erstes Anliegen wird „religiöse Besinnung und Erneuerung“ benannt. 1982 wurden dann noch sieben „Leitsätze“ des Bundes herausgegeben, in denen – wohl in Anlehnung an Friedrich Schleiermacher – Religion vor allem als persönliche religiöse Erfahrung begriffen wurde.

Die Aufgabe des Bundes sah man vor allem darin, Glauben und Wissen miteinander zu versöhnen. Eine eigene theologische Position zu grundlegenden christlichen Lehren hat der Bund nie formuliert. Der Wunsch, christliche Theologie ohne Dogmatismus zu betreiben, stand wohl zu sehr im Vordergrund und einem ausformulierten Credo im Weg. Auch waren die individuellen Positionen der Mitglieder des Bundes offenbar zu unterschiedlich, als dass man diesen Versuch unternommen hätte.

Heute, 70 Jahre nach seiner Gründung, erscheint es dem Bund jedoch geboten, endlich eine gemeinsame theologische Position anzustreben.

Auf seiner Sitzung am 22. September 2017 in Bremen beschloss der Vorstand „eine Neuformulierung der theologischen und gesellschaftlichen Zielsetzung“. Der Vorstand legte in einem Sonderheft den Mitgliedern des Bundes und den Lesern und Leserinnen des Freies Christentums drei theologische Grundaussagen sowie sechs Ziele zur Diskussion vor. Bei jener Vorstandssitzung wurde auch eine neue Strategie für notwendig befunden, um die höchst aktuellen Anliegen des Bundes einem größeren Kreis von interessierten Christen zur Kenntnis zu bringen.

Auch wenn Werte wie Wahrhaftigkeit, Freiheit, Toleranz und „Ehrfurcht vor dem Leben“ nicht auf das freie Christentum beschränkt sind, von seinen organisierten Formen ganz zu schweigen, werden sie hier doch besonders hoch geschätzt. Sie bedürfen der Pflege, um nicht zu kurz zu kommen.

Es bleibt zu hoffen, dass das 70-jährige Jubiläum des Bundes zum Anlass genommen wird, dem Gedanken eines liberalen Christentums zu einer neuen Dynamik und Triebkraft zu verhelfen.

___________________________________________________________________

* Referenzen beziehen sich entweder auf den von Erich Meyer verfassten „Bericht“ (B: Erscheinungsjahr/Seite) vom Deutschen Kongress für Freies Christentum im September 1948 oder auf Ausgaben der Zeitschrift „Freies Christentum“ (FC: Erscheinungsjahr/Nummer/Seite).

Zurück zum Seitenanfang



Die bisherigen Präsidenten des Bundes für Freies Christentum:


1948-1953 Walter Bülck, Theologieprofessor
1953-1960 Georg Wünsch, Theologieprofessor
1960-1970 Rudolf Daur, evangelischer Pfarrer
1970-1987 Ulrich Mann, Theologieprofessor
1987-1995 Udo Tworuschka, Theologieprofessor
1995-2002 Hans-Hinrich Jenssen, Theologieprofessor
seit 2002 Werner Zager, Theologieprofessor


Zur weiteren Geschichte des Bundes für Freies Christentum vgl. Andreas Rössler, 60 Jahre Bund für Freies Christentum 1948-2008. Entwicklungen und Perspektiven, in: Werner Zager (Hrsg.), Liberales Christentum. Perspektiven für das 21. Jahrhundert, Neuchkirchen-Vluyn 2009, S. 19-102.